Zugänge in den Kulturbetrieb

„Kultur für alle!“ – bis heute beruft sich der Kulturbetrieb auf diesen Anspruch und behauptet regelmäßig gleichberechtigten Zugang zur Kultur. Doch wenn man sich anschaut, wer „hinter den Kulissen“ arbeitet, wer „auf der Bühne“ beziehungsweise im künstlerischen Programm repräsentiert ist und wer als Publikum in den Genuss von Kunst kommt, wird schnell deutlich, dass Menschen mit Behinderungen im Kulturbetrieb unterrepräsentiert sind.

In unserer Interviewserie „Behinderung im Spielplan“ berichten Menschen mit Behinderungen von den Barrieren und Ausschlüssen, die sie im Kulturbetrieb erfahren. Als Mitarbeiter*innen von Kulturinstitutionen sprechen sie über notwendige kulturpolitische Veränderungen, als Künstler*innen zeigen sie, wo ihre Kunst in eine Nische gestellt wird, und als kulturbegeistertes Publikum erzählen sie, welche Stücke sie gerne sehen und welche Kulturorte sie gerne besuchen.

Die Interviewserie ist in Kooperation mit Die neue Norm entstanden und wird auch auf ihrer Website veröffentlicht.

Andreas Krüger arbeitet seit 2017 an der Berlinischen Galerie. Zunächst war er als Volontär im Bereich Bildung tätig, seit 2019 ist er Referent für Inklusion und Barrierefreiheit. Als die Berlinische Galerie von 2015 bis 2017 daran arbeitete, ihre Dauerausstellung für blinde und sehbehinderte Personen zugänglich zu machen, war Andreas Krüger als Mitglied des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin aktiv am Prozess beteiligt und beriet das Museum aus seiner Perspektive als sehbehinderte Person.

Andreas Krüger sitzt in einem Ausstellungsraum, im Hintergrund sind Bilder aufgehängt, vor einem der Bilder steht eine Besucherin. Vor Andreas Krüger befindet sich ein Tastmodell, das er mit den Händen ertastet, ein Langstock lehnt an seinem Knie.

Kunst zum Anfassen in der Berlinischen Galerie

Interview mit Andreas Krüger

Barrieren und Zugänge im Kulturbetrieb

 

Der Kulturbetrieb möchte sich öffnen und diverser werden. Für Menschen mit Behinderung ist der Zugang zum Kulturbetrieb nach wie vor schwierig – häufig stoßen sie schon in der Ausbildungszeit auf Barrieren. Wie war das in deinem Studium?

Ich habe mich schon in der Schule sehr für Kunst interessiert und wollte Kunstpädagogik studieren. 2003 zog es mich daher nach Greifswald, wo ich bis 2010 am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität studierte. In dieser Zeit erhielt ich die Diagnose, dass ich eine erblich bedingte Sehbehinderung habe – mit der Prognose blind zu werden. Das hat mich während des Studiums aus der Bahn geworfen, was die Zukunftsplanung anbelangt. Durch Gespräche mit anderen Betroffenen, mit meiner Familie und Freund*innen habe ich aber versucht, wieder Motivation zu finden: Ich habe mir das Ziel gesetzt, das Studium fertig zu machen und meinem beruflichen Wunsch weiter nachzugehen. Das Studium war für mich recht anstrengend, weil ich damals noch gar nicht wusste, was es für Möglichkeiten gibt, als schwerbehinderter Student unterstützt zu werden.

 

Wie ging es nach dem Studium für dich weiter?

Nach dem Studium war ich erstmal auf Arbeitssuche. Ich habe ein achtmonatiges Praktikum im Bereich Kultursponsoring absolviert. Danach war ich wieder auf der Suche. Dabei habe ich auch immer nach Beratungsstellen und Förderprogrammen für Arbeitssuchende mit Behinderungen Ausschau gehalten und bin so auf die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur gestoßen, die sich u.a. auf die Vermittlung von schwerbehinderten Akademiker*innen spezialisiert hat. Das war tatsächlich ein Glücksfall, weil sie zu der Zeit ein Programm mit einzelnen Bundesministerien gestartet haben, um mehr schwerbehinderte Arbeitssuchende in den öffentlichen Dienst zu bringen. Dadurch bin ich auf die Stelle bei der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen aufmerksam geworden. Die*der Beauftragte verwirklicht im Dienstsitz im Kleisthaus in Berlin ein eigenes Kulturprogramm, um das Bewusstsein und die kulturelle Teilhabe behinderter Menschen zu fördern. Dort war ich zwei Jahre verantwortlich für die Programmgestaltung. Dazu gehörte, barrierefreie Kulturveranstaltungen auszurichten und Künstler*innen mit Behinderungen einzuladen, ihre Arbeiten zu präsentieren – ob in Form von Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen oder Theaterstücken. Das war für mich der Start, mich mit dem Thema Inklusion im Kulturbereich auseinanderzusetzen, mich selbst auf dem Feld zu schulen und zu spezialisieren. Weitere Erfahrungen auf diesem Gebiet habe ich durch meine ehrenamtliche Tätigkeit beim Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin gesammelt. 2015 hat der Verein den Arbeitskreis Kultur und Freizeit gegründet, in dem wir Mitglieder uns stark machen für eine blinden- und sehbehindertengerechte Gestaltung von Kultureinrichtungen und diese auch beraten. Durch das Ehrenamt habe ich mit verschiedenen Häusern zusammengearbeitet wie zum Beispiel dem Deutschen Historischen Museum oder dem Technikmuseum. Ich habe begonnen, mir ein Netzwerk aufzubauen und mich im Berliner Kulturbetrieb allmählich zu positionieren. Von 2015 bis 2017 beteiligte ich mich an einem zweijährigen Projekt mit der Berlinischen Galerie: Die Dauerausstellung sollte für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich gemacht werden. Ich war mit meinen persönlichen Erfahrungen gefragt, mich als sehbehinderte Person aktiv im Projekt einzubringen und dem Haus beratend zur Seite zu stehen. Im Anschluss hatte ich das Glück, ein Volontariat hier in der Bildungsabteilung zu absolvieren.

 

Du hast gesagt, dass du selbst recherchieren musstest, um die entsprechenden Beratungsstellen und Förderprogramme zu finden…

Ich finde, gerade in Berlin ist die Betreuung durch die Arbeitsagentur katastrophal. Da wurde mir beim ersten Treffen gesagt: „Was, Sie wollen mit Ihrer Sehbehinderung im Kulturbereich arbeiten? Da sehe ich ‚schwarz’.“ Im Rückblick ist es schön zu beobachten, wie man durch eigene Willensstärke und die Unterstützung durch Familie und Freund*innen doch zu seinem Ziel kommt und den Leuten, die das anzweifeln, zeigt, dass es funktioniert. Ich habe im Internet recherchiert, was es für Beratungsstellen und Träger gibt, bin über Selbsthilfeorganisationen gegangen und habe viel gelernt von anderen Betroffenen, die dann weitere Empfehlungen hatten.

 

Als du auf Jobsuche warst, wurdest du sicher zu einigen Bewerbungsgesprächen eingeladen. Gab es in den Gesprächen eine Offenheit für deine Expertise und Bedarfe?

Als mein Job bei der Bundesbeauftragten zu Ende ging, dachte ich, dass das Thema Inklusion im Kulturbetrieb zunehmend an Bedeutung gewinnt und in Museen angegangen wird. Da einige Häuser bereits Barrierefreiheit verfolgen, dachte ich, dass sie aufgeschlossen sind, sich diesbezüglich mit mir als Mitarbeiter, mit meinen Erfahrungen und fachlichen Expertisen, weiterzuentwickeln. Ich habe aber gemerkt, dass es besonders in der Verwaltung und Organisation bei weitem noch nicht so ist. Im Bewerbungsgespräch fanden die Entscheider*innen es zwar immer spannend, was es für Projekte in dem Bereich gibt, ich habe aber keinen Job angeboten bekommen. Da ich aufgrund meiner Schwerbehinderung zu den Bewerbungsgesprächen eingeladen werden musste, hatte ich viele interessante Treffen, die dann aber zu keinem Ziel führten. Inzwischen sind einzelne Museen sehr aktiv – auch aufgrund des öffentlichen Drucks und der gesetzlichen Forderungen. Das führt dazu, dass vereinzelt Expert*innen gesucht werden. Doch diese Stellen sind rar und bieten immer noch keine wirklich guten Arbeitsbedingungen, weil sie meistens befristet und projektfinanziert sind. Auch die entsprechenden räumlichen und administrativen Voraussetzungen sind oft nicht geschaffen. Außerdem ist die Sensibilisierung im Umgang mit behinderten Mitarbeiter*innen häufig mangelhaft. Trotzdem ist zu beobachten, dass sich allmählich etwas tut. Deswegen finde ich es wichtig, anderen – Arbeitssuchenden sowie Institutionen – zu zeigen, dass es möglich ist, eine Stelle in einer Kulturinstitution zu bekommen beziehungsweise einzurichten.

 

Institutionen von innen verändern

 

Die Berlinische Galerie ist eines der wenigen Museen, die eine eigene Stelle für Barrierefreiheit und Inklusion geschaffen haben. Welche Aufgaben hast du dort?

Für die Berlinische Galerie ist Barrierefreiheit und Inklusion sehr wichtig. Da unser Haus kein Laufpublikum hat wie andere Museen in zentraler Lage, müssen wir in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Vermittlung stärker agieren und kreativ sein. Wir müssen inhaltlich und räumlich die Voraussetzung schaffen, damit ein größeres Publikum zu uns kommt. Aus diesem Grund wurde mein Posten eingerichtet. Meine Stelle ist an den Bereich Bildung angegliedert. Ich habe die Aufgabe, zusammen mit Christine van Haaren, der Leiterin des Bereichs, ein Konzept für barrierefreie Zugangsmöglichkeiten und Vermittlungsangebote zu entwickeln. Dabei ist es uns sehr wichtig, die Communitys nicht nur einzubinden, sondern mitwirken zu lassen, weil nur sie das Expert*innenwissen haben. Nur sie können einschätzen, was sie brauchen, um unsere Ausstellungen eigenständig besuchen zu können.

Zu meinen Aufgaben gehört auch, dass ich Kolleg*innen schule und sensibilisiere. Ich stelle zum Beispiel den Besucherbetreuer*innen unser Konzept zu Inklusion und Barrierefreiheit vor, d.h. ich informiere sie darüber, welche Maßnahmen wir für den eigenständigen Ausstellungsbesuch bereitstellen und welche für die personelle Vermittlung. Ich erkläre auch, was notwendig ist, damit sich Besucher*innen mit Behinderungen willkommen geheißen fühlen, wo sie eventuell Unterstützung benötigen und wie diese durch die Mitarbeiter*innen erfolgen kann. Das betrifft auch unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, die regelmäßig Führungen geben. Mein Wunsch ist es, dass an unseren Führungen unterschiedliche Besucher*innen teilnehmen können und alle Kolleg*innen dementsprechend geschult sind. Es gab beispielsweise eine Schulung für unsere Referent*innen, um sie für die DGS-Verdolmetschung zu sensibilisieren und die Zusammenarbeit mit DGS-Dolmetscher*innen zu optimieren. So wird Tauben und hörbeeinträchtigen Besucher*innen ein besserer Ablauf, ein verständlicherer Zugang zur Kunst geboten. Als nächstes wollen wir Taube Personen einladen, damit sie noch einmal aus der Sicht von Betroffenen auf ihre Bedürfnisse bei der Kunstvermittlung und -wahrnehmung hinweisen.

 

Was habt ihr erreicht? Was hat sich durch deine Arbeit verändert?

 

Wir konnten die Angebote für Taube Personen fest etablieren. Inzwischen werden sämtliche Ausstellungseröffnungen von DGS-Dolmetscher*innen begleitet. Eine Kurator*innenführung unter der Woche und eine am Wochenende werden ebenfalls regelmäßig in DGS verdolmetscht. Ein Wunsch von mir ist, künftig auch Taube Personen zu Kunstvermittler*innen auszubilden, um dann Führungen und Workshops ausschließlich in Deutscher Gebärdensprache anbieten zu können. Im Bereich Sehen bieten wir bereits Tastführungen an, die von sehbehinderten Referent*innen durchgeführt werden. Es gibt Tastführungen nur für blinde und sehbehinderte Menschen und Tastführungen, die für alle offen sind. Die inklusiven Führungen sind für Personen ohne Behinderungen oft deswegen interessant, weil mit anderen Medien gearbeitet wird, also mit Tastmodellen, Materialproben und akustischen Beispielen. Sie sind dadurch viel lebendiger. Am meisten freut mich die Stringenz unserer Angebote: Dass wir eine feste Struktur etabliert haben, dass zu allen Sonderausstellungen und zur Dauerausstellung immer ein barrierefreies Mindestprogramm angeboten wird. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, neue Formate und Kooperationen mit Künstler*innen mit Behinderungen zu erproben und umzusetzen.

Ich glaube, das Haus profitiert von den Kontakten, die ich mitbringe. Wir haben einen großen Verteiler von Verbänden, Interessensvertretungen, Privatpersonen, die sich für Inklusion interessieren oder barrierefreie Angebote nutzen. Die versorgen wir regelmäßig mit Informationen zu unserem Programm. Das heißt aber auch, dass wir die Informationen aufbereiten müssen. Weg- und Raumbeschreibungen sind genauso wichtig, wie das Erfragen von Unterstützungsbedarf, oder, dass ich als Ansprechpartner genannt werde für den direkten Austausch.

Man muss eine Kontinuität zeigen bei seinen Angeboten. Ich kann nicht verstehen, dass Barrierefreiheit und Inklusion nach sehr kurzer Zeit schon wieder hinterfragt werden. Letztendlich betrifft es doch alle Neuerungen, dass sie sich erst etablieren müssen. Außerdem muss man auch akzeptieren, dass man nicht ein Angebot für alle blinden oder alle tauben Menschen macht. Auch persönliche Interessen spielen eine große Rolle. Wichtig ist, Teilhabe zu ermöglichen und Kultur für Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen zugänglich zu machen.

 

Was würdest du dir von Kulturinstitutionen wünschen? Was sollten sie verändern?

 

Weil Inklusion alle gesellschaftlichen Bereiche, also auch den Kulturbetrieb betrifft, würde ich mir wünschen, dass die Kulturverwaltung mit den von ihr geförderten Häusern mehr ins Gespräch geht. Dass gemeinsame Ziele festgelegt werden, die dann auch umgesetzt werden. Auch glaube ich, dass es sehr wichtig ist für die Häuser, sich miteinander zu diesem Thema auszutauschen, um an das nötige Fachwissen zu gelangen und ein diverses, besucher*innenorientiertes Angebot zu schaffen.

Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe sollten zu einer zentralen Aufgabe im Kulturbereich gemacht werden. Diese Themen sollten nicht nur in der Bildungsabteilung angesiedelt sein, sondern Inklusion sollte ganzheitlich gedacht werden. Kulturinstitutionen müssen sich die Frage stellen, für wen sie da sind und für wen sie ihre Ausstellungen eigentlich machen. Noch mangelt es am Dialog und Begegnungen, die Veränderungen anstoßen. Verwaltungen und Kultureinrichtungen müssen selbst diverser werden, damit sie von den Erfahrungen der Mitarbeitenden mit Behinderungen profitieren können. Die Zusammenarbeit in einem Kollegium führt dann zu Sensibilisierung und gegenseitiger Unterstützung sowie zu verbesserten Abläufen und einem sozialen Miteinander.

Barrierefreiheit ist nach wie vor ein Feld, das hintenansteht. Bei einer Projektplanung ist Barrierefreiheit häufig der Punkt, der hinterfragt wird. Wenn sie von Anfang an und selbstverständlich mitgedacht würde, würde das bestimmte Arbeitsprozesse erleichtern. Wenn ich Kurator*innen oder Ausstellungsgestalter*innen beispielsweise auf die Unterfahrbarkeit von Vitrinen, die Höhe von Tastmodellen oder die Ausleuchtung und kontrastreiche Gestaltung hinweise, dann stößt das oft auf Unverständnis. Dabei würde ich mich freuen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die sich sowohl ästhetisch in den Ausstellungsraum einfügen, als auch funktional und nutzbar für alle Besucher*innen sind. Auch wenn es nicht zu meinen Aufgaben gehört, muss ich für Fachkolleg*innen die Maßvorgaben und DIN-Normen recherchieren. Ich bin mehr für das Konzeptionelle und Inhaltliche hier, um unser Vermittlungsangebot inklusiv für ein diverses Publikum auszurichten. Aber wenn ich möchte, dass es die unterfahrbaren Vitrinen gibt, muss ich mich einbringen. Auch im Büro ist wenig an meine Bedarfe angepasst: angefangen bei den Besprechungen mit Powerpoint-Präsentation bis zu den ganzen Formularen. Die Verantwortung und Optimierung von Abläufen und Organisationsstrukturen öffentlicher Einrichtungen liegt vorrangig bei der Kulturverwaltung. Umbaumaßnahmen müssen zusätzlich mit dem Berliner Immobilienmanagement abgesprochen werden, das ein Großteil der Museumsgebäude verwaltet. Trotzdem gibt es in der Berlinischen Galerie den Willen und das Entgegenkommen, barrierefreier zu werden. In einem Arbeitsprozess einmal so agieren zu können, dass mir keine Grenzen aufgezeigt werden, ist aber leider noch nicht vorgekommen. Mit Unterstützung durch meine Arbeitsassistentin können jedoch viele Aufgaben und Abläufe leichter erledigt bzw. verbessert werden. Durch ihre Begleitung ist es mir beispielsweise möglich, Termine und Dienstreisen wahrzunehmen sowie die administrativen Vorgänge leichter zu bewältigen. Leider war die Beantragung und Bewilligung der Assistenz beim Integrationsamt sehr aufwendig und langwierig. So gab es weder eine Beratung oder eine persönliche Betreuung noch die Unterstützung durch die Institution.

 

Interview: Cordula Kehr

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