„Ich möchte von einem Archiv erzählen. Es trägt keinen Namen und hat keinen festen Ort. Es liegt verteilt im Land. In den Städten. In den Wohnungen. In Zimmern. In alten, verstaubten, lange nicht mehr geöffneten Schränken in den Kellern. Unter Häusern und Straßen.

In diesem Archiv lagern Videokassetten, VHS und Betamax, Filmbänder, vergriffene Bücher, teilweise ohne ISBN und den Pflichteintrag in der Nationalbibliothek, über keinen Google-Suchbegriff zu finden, dort lagern Foto-Alben mit Millionen von Bildern aus den siebziger und achtziger Jahren. Briefe: Liebesbriefe, Sehnsuchtsbriefe, beschwichtigende sogar gelogene Worte an die Heimat, an die zurückgelassenen Eltern, Geschwister, Geliebten. Beschwerdeschreiben, Formblätter, Aufenthaltsgenehmigungen, abgelaufene Pässe mit Stempeln, die festlegen, wo gewohnt werden darf und wo nicht.” 

 

[Deniz Utlu: „Das Archiv der Migration”, Veröffentlicht in Der Freitag, 31.10.2011]

In seinem Text „Das Archiv der Migration” beschreibt der Autor Deniz Utlu, wie wichtig es für marginalisierte Communitys ist, die eigene Geschichte zu archivieren. So waren seine Mitherausgeber*innen und er lange Zeit davon ausgegangen, dass „freitext” das einzige deutschsprachige Kultur- und Literaturmagazin mit (post)migrantischer Perspektive sei. Erst Jahre später entdeckten sie die Literaturzeitschrift „Sirene”, die bereits in den 1990ern den Fokus auf transkulturelle Geschichten legte. Aber als sie 2003 mit freitext begannen, gab es die Sirene bereits nicht mehr. Auch wenn nur vier Jahre zwischen der Einstellung des einen und der Gründung des anderen Magazins lagen, gab es keinen „intergenerationellen” Wissensaustauschs innerhalb der Community:

 

„Mit einem Zugang zum Archiv der Migration hätte freitext vielleicht an einem anderen Punkt angefangen, das Rad nicht neu erfunden, sondern fortgeschrieben, was in den neunziger Jahren schon angefangen hatte. Ohne Archiv keine Tradierung.” [Deniz Utlu: Das Archiv der Migration]

 

Mittlerweile liegt auch die letzte Ausgabe von freitext einige Jahre zurück. Auch hier wird sich die Frage stellen, wie ein Wissenstransfer für eine junge Generation von  Nachwuchskulturschaffenden of Color aussehen kann. 

 

Um eine fortlaufende Geschichtsschreibung sicherzustellen – mit der auch eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung stattfinden kann –, muss das kollektive Wissen einer Community in ein kollektives Gedächtnis überführt werden. Dafür bedarf es einer Materialisierung und Archivierung dieses Wissens in Texten, Bildern, Objekten. Außerdem muss es vermittelt und zugänglich gemacht werden. Das Wissen muss Bestandteil des Lehrplans werden. Sichtbar im öffentlichen Raum und hörbar im öffentlichen Diskurs. Dafür braucht es Ressourcen, finanzielle, aber auch zeitliche und räumliche sowie infrastrukturelle, die dazu beitragen, das Wissen zu dokumentieren und zu pflegen.

Aber Zugang zu Ressourcen haben marginalisierte Communitys in der Regel kaum. So bleibt das kollektive Wissen oft nur immateriell. Erzählt sich fort als Oral History, verliert über den Weg der Stillen Post wichtige Erkenntnisse und übersetzt sich nur fragmentarisch in die gemeinsame Erinnerung.

 

Artist Talk über Kunst und Communityarbeit

Mit dem Artist Talk „Beyond Representation – Über künstlerische Kollektive und politische Allianzen”, der im Oktober 2019 im Rahmen des Festivals „After Europe” an den Sophiensælen stattfand, wollten wir uns der Frage nähern, welchen Beitrag Kunst zu einer Materialisierung des postmigrantischen Archivs leisten kann. Welchen transformativen Charakter kann Kunst für das kollektive Gedächtnis marginalisierter Communitys haben? Und inwieweit kann Kollektivität, also das Arbeiten in einem eigenen Netzwerk und mit starken Bezügen auf- und untereinander, Ausschlüssen und damit der Gefahr des Vergessens entgegenwirken?  

Dazu hatten wir das in London ansässige transdisziplinäre Künstler*innenkollektiv Asia Art Activism (Cuong Pham, Sung Tieu) eingeladen, das versucht, durch intergenerationellen Austausch und Recherche eine eigene Geschichtsschreibung der (südost)asiatischen Community zu entwickeln. Im Gespräch mit dem in Berlin lebenden Künstler Ferdiansyah Thajib und der Kulturanthropologin Trang Tran Thu sollte erörtert werden, ob sich dieser Ansatz des kollektiven Arbeitens auch nach Berlin übertragen lässt.

 

Als Netzwerk von Künstler*innen, Kurator*innen und Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Generationen verflechtet Asia Art Activism in seiner künstlerischen Praxis verschiedene Formen und Ansätze der communitybasierten Arbeit einzelner Initiativen und Kollektive der südostasiatischen Community. Dadurch zeichnet sich ein differenziertes und nuanciertes Bild einer vielfach unsichtbar gemachten Community. Sung Tieu und Cuong Pham stellten im Rahmen des Artist Talks Arbeiten vor, die ihre Bezugnahme auf die Geschichte der südostasiatischen Diaspora verdeutlichen und die Lebensrealitäten der vietnamesischen Community in Deutschland beziehungsweise Großbritannien ins Zentrum stellen.

Mit dem interdisziplinären Projekt TROI OI kreierte Sung Tieu gemeinsam mit Nhu Duong eine Plattform für das kulturelle Erbe vietnamesischer Migrant*innen im globalen Norden. TROI OI richtete 2014 mit einer ortsspezifischen Kunstintervention den Blick auf die Geschichte vietnamesischer Migrant*innen in Deutschland. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Aufenthaltsrecht von Migrant*innen an ein gesichertes finanzielles Einkommen gekoppelt. Der Weg in die Selbstständigkeit war für viele ehemalige Vertragsarbeiter*innen (aus der DDR) daher die einzige Möglichkeit, ihren Aufenthaltsstatus zu sichern. Da nur ein geringes Eigenkapital benötigt wurde, aber auch weil keine formale Berufsausbildung oder ausgeprägte Sprachkenntnisse vorausgesetzt wurden, erwies sich der Blumenhandel als mögliches Betätigungsfeld der vietnamesischen Community. Oftmals befinden sich die damals gegründeten Blumenläden nach wie vor an stark besuchten öffentlichen Orten wie U-Bahn-Stationen. TROI OI installierte an verschiedenen Blumenläden in Berlin temporäre Begegnungsräume mit der vietnamesischen Community. Die Intervention zeigte darüber hinaus die Aufteilung in Kunst und Kommerz auf und ließ alltägliche Orte in einem anderen Licht erscheinen.

Auch Cuong Pham beschäftigt sich in seiner Praxis mit der Frage, wie sich die Arbeiten künstlerischer Kollektive mit der sozialen und politischen Arbeit von migrantischen Selbstorganisationen und solchen von Geflüchteten aus der eigenen Community verbinden lassen, und wie sie sich gegenseitig befruchten können. In der Ausstellung „Record, Retrieve, Reactivate”, die unter anderem im Frühjahr 2020 in Manchester zu sehen sein sollte, dienen Archivmaterialien der An Viet Foundation, einem Community Center der vietnamesischen Community in London, als Ausgangspunkt, um gegenwärtige politische und gesellschaftliche Fragen hinsichtlich der Themen Migration, Diaspora und Staatsbürgerschaft in einem größeren historischen Zusammenhang zu betrachten. Dabei geht es auch um die Frage, wie die Geschichte neu bewertet werden kann.

 

Diese künstlerische Auseinandersetzung mit und das Anknüpfen an das „verborgene” Archiv  der migrantischen Communitys zeigen eine Leerstelle in der mehrheitsgesellschaftlichen Geschichtsschreibung auf. So schreibt Deniz Utlu in seinem eingangs zitierten Text: „Dabei ist die Geschichte, die in diesem Archiv steckt, nicht allein die Geschichte der Migranten, sondern auch die der Mehrheitsgesellschaft. Das Archiv der Migration ist Teil des Archivs ein und derselben Gesellschaft. Wird die Perspektive der Migranten ausgeblendet, hinterlässt das Lücken im eigenen Geschichtsverständnis.” Die temporären Begegnungsräume, die TROI OI in vietnamesischen Blumenläden installierte, laden ein, das „Vorbeigehen” zu unterbrechen und die viet-deutsche Perspektive wahrzunehmen.

Gleichzeitig schaffen die Kunstwerke aber auch eine Materialität für die teils fragmentarisch überlieferte Geschichte der Community. Da die Kunstwerke auf Recherche basieren, „bergen” sie Bruchstücke aus dem Archiv der Migration und führen sie dem öffentlichen Diskurs zu. Durch den Zusammenschluss zur Künstler*innen-Gruppe schaffen Asia Art Activism einen Rahmen, der die einzelnen Geschichten zu einer kollektiven Erzählung zusammenfügt. Diese wiederum dient als gemeinsame Referenzgrundlage und legitimiert damit die künstlerische Auseinandersetzung mit scheinbar randständigen Themen. Jenseits des mehrheitsgesellschaftlichen Kulturbetriebs bilden sich alternative Netzwerke und Ökonomien, die durch gegenseitige Unterstützung und Wissensaustausch marginalisierten künstlerischen Positionen Raum bieten.

Empowerment-Strategien der School4Tomorrow

Wie sich solche kollektiven und machtkritischen Arbeitsstrukturen bilden lassen, konnte zwar im Rahmen des Artist Talks nicht mehr beleuchtet werden, wurde aber an anderer Stelle aufgegriffen: Parallel zu dem Festival „After Europe” fand im Rahmen unseres Empowermentprogramms die School4Tomorrow statt, ein Fellowshipprogramm für Künstler*innen of Color. Im Zentrum des mehrtägigen Programms standen ästhetische und strategische Fragen rund um Antidiskriminierung und dekoloniale Praxis. 

Als Synthese aus den Inputs der eingeladenen Expert*innen sowie Gesprächen der Teilnehmenden entstand ein Empowerment-Kompass mit Strategien zum Navigieren von Diskriminierung im Kulturbetrieb. Neben zahlreichen Ansätzen, um den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern, finden sich im Empowerment-Kompass auch Strategien für eine machtkritische und diversitätssensible Zusammenarbeit mit anderen. Zentral ist dabei, wie eine wechselseitige Feedbackkultur etabliert werden kann, die ermöglicht, jenseits normativer Kunstvorstellungen, konstruktive Kritik zu üben und Hinweise für die Weiterentwicklung der ästhetischen Praxis zu geben. 

Denn nur eine Praxis, die auf gegenseitiger Unterstützung beruht und damit die Konkurrenzmechanismen des Kulturbetriebs unterläuft, erkämpft sich Raum für vielfältige künstlerische und gesellschaftliche  Positionen, statt einen Trichter zu produzieren, der nur einzelnen Künstler*innen Zugang gewährt, die die Diversität und Pluralität ganzer Communitys repräsentieren sollen. Nur so etablieren sich letztlich neue diskriminierungskritische Strukturen im Kulturbetrieb.  

 

(Text: Bahareh Sharifi & Cordula Kehr)

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