Gebärdende Menschen im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Veranstaltung mit Gebärdensprache im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Sie wollen Taubes Publikum für ihre Veranstaltung gewinnen und ein Programm mit Deutscher Gebärdensprache (DGS) anbieten? Wunderbar! Hier sind ein paar Tipps, mit denen das Angebot auch wirklich bei der Tauben Community ankommt. Eine Liste mit wichtigen Links finden Sie ganz unten.

 

DGS von Anfang an einplanen

In aller letzter Minute Dolmetscher*innen für Deutsche Laut- und Gebärdensprache zu finden ist schwierig. Das Publikum dann noch zu erreichen auch. DGS-Verdolmetschung gehört möglichst schon mit ins Konzept der Veranstaltung und auch in den Finanzierungsplan.

 

Das eigene Konzept hinterfragen

Warum möchten wir DGS einbinden und welche Rolle spielt sie in unserer Veranstaltung? Haben wir im Team Personen/Mitarbeiter*innen, die Erfahrung mit DGS haben und/oder bestenfalls selbst Taub sind? Hier Erfahrungsexpertisen von Beginn an einbinden, damit die Community erreicht werden kann. Beratungsleistung und Expertise sind angemessen zu vergüten.
Und: Verdolmetschung ist gut, Selbstrepräsentation ist besser! Bieten Sie bei der Veranstaltung möglichst auch Beiträge Tauber Referent*innen an, die dann in Lautsprache verdolmetscht werden.
 

Achten Sie auf die richtige Formulierung

„Taub“ und „gehörlos“ sind die gängigsten Varianten der Selbstbezeichnung nicht hörender Menschen. Manche Menschen nennen sich schwerhörig. Medizinische Begriffe wie „(ge)hörgeschädigt“ oder „hörbehindert“, „an Taubheit grenzend schwerhörig“ oder „resthörig“ gehen von einer defizitären Sichtweise aus und sind daher nicht als Ansprache geeignet. Das Wort „taubstumm“ ist eine Beleidigung und sollte niemals verwendet werden. Der Begriff Gebärdendolmetscher*in ist falsch, hier fehlt die Nennung der DGS als anerkannte Sprache. Richtig sind: Dolmetscher*in für Deutsche Laut- und Gebärdensprache, Gebärdensprachdolmetscher*in.

 

Sprache und Verständlichkeit

Nutzen Sie gut verständliche, einfache Sprache in Ihrer Kommunikation. Der Hinweis, dass die Veranstaltung mit DGS (bzw. Verdolmetschung) stattfindet, sollte ganz oben platziert sein, möglichst mit dem DGS-Symbol.

Alle wichtigen Informationen zur Veranstaltung sollten auf einen Blick erkennbar sein.

 

Wo finde ich Dolmetscher*innen?

Beim Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher*innen finden Sie die Kontakte der dort eingetragenen Dolmetscher*innen und wichtige Informationen zu deren Einsatz. Erfragen Sie dort auch die branchenüblichen Preise für unterschiedliche Einsätze.

 

Es sollte in Erwägung gezogen werden, Teams aus hörenden und Tauben Dolmetscher*innen einzusetzen. Taube Dolmetscher*innen können als Erstsprachler*innen der DGS eine besondere Übersetzungsqualität leisten und darüber hinaus die Sichtbarkeit der Tauben Community stärken. Beim Bundesverband der tauben Gebärdensprachdolmetscher*innen erfahren Sie mehr dazu und finden die gesuchten Kontakte.

 

Planen Sie beim Einsatz von Dolmetscher*innen bitte mit ein, dass diese bei Simultanverdolmetschung immer im Zweierteam arbeiten und rechtzeitig vor der Veranstaltung Vorbereitungsmaterial (PowerPoint-Präsentation, Ablaufpläne, Notizen, Videos etc.) benötigen.

 

Kommunikation vor und nach der Veranstaltung bzw. im Arbeitsprozess

Austausch und Kommunikation zwischen der hörenden und der Tauben Community gelingt am besten, wenn es auch für den informellen Teil der Veranstaltung/im Arbeitsprozess Verdolmetschung gibt. Hierfür können Sie Kommunikationsassistent*innen buchen. Leider gibt es dafür aktuell keine Vermittlungsseite. Erfragen sie Kontakte bei lokalen Community-Plattformen oder Institutionen, die Assistenzen ausbilden (z.B. gebaerdenakademie.de).

 

Wie erreiche ich die Taube Community?

Erstellen Sie nach Möglichkeit ein Einladungsvideo in der Erstsprache der meisten Tauben Menschen – in DGS. Dieses spricht die Taube Community nicht nur gezielt an, sondern kann auch gut über soziale Netzwerke geteilt werden. Das Video kann bei einem Anbieter für DGS-Videos in Auftrag gegeben werden. Achten Sie darauf, dass bei dem Anbieter Taube Personen an der Produktion beteiligt sind.

Ankündigungen in sozialen Netzwerken können gut in der DGS-Community geteilt werden, die diese aktiv nutzt. Erstellen Sie zum Beispiel eine Facebook-Veranstaltung, die die wichtigsten Informationen beinhaltet. Verwenden Sie dort und auf Instagram und Twitter Hashtags wie #DGS, #gebaerdensprache, #deaf, #taub, #gehoerlos, #signlanguage.

Laden Sie über communityspezifische Seiten ein, beziehungsweise bitten Sie die entsprechenden Akteur*innen im Team, die Einladung über ihre Netzwerke zu teilen: Taubenschlag, Deutsche Gehörlosen-Zeitung, Vibelle, Deutscher Gehörlosen-Bund, Berliner Gehörlosenverband, Sinneswandel, jubel³ mit Gebärdensprache e.V.

 

Lautsprachorientierte Taube Menschen und Schwerhörige mitberücksichtigen

Einige Taube Menschen (insbesondere Spätertaubte) sowie viele schwerhörige Menschen sind lautsprachorientiert. Für sie bedeutet das Anbieten von Veranstaltungen mit DGS keinen (ausreichenden) Barriereabbau. Um die Veranstaltung auch für lautsprachorientierte Menschen mit Hörbehinderungen zugänglich zu machen, kann mit einer Induktionsanlage oder mit (Live-) Untertitelung gearbeitet werden. Filmbeiträge und Videos immer mit Untertitelung zeigen.

 

No-Go: Das geht nicht gut!

In der Tauben Community wird gerade heiß diskutiert, was schief gehen kann, wenn die Mainstreamkultur anfängt, sich für Gebärdensprache zu interessieren. Informieren Sie sich über kulturelle Aneignung und Deaffaking. Wenden Sie sich mit Fragen zu Deafculture/Taubenkultur direkt an die Taube Community. Auch hier gilt: Beratungsleistung und Expertise vergüten.

 

Recherchieren und DGS lernen!

Bilden Sie sich selbst fort. Was sind wichtige Selbstbezeichnungen und Diskussionsfragen für Taube Menschen? Wie funktioniert Gebärdensprache? Was ist die Geschichte der Tauben Community und ihrer Sprache(n)? Erste Anhaltpunkte finden Sie in unserem Wörterbuch sowie beim Deutschen Gehörlosenbund e.V.. Besuchen Sie einen Kurs zu Deutscher Gebärdensprache und Gebärdensprachkultur (möglichst bei einer*m Tauben Lehrer*in), um Ihr Wissen zu vertiefen und ein Gefühl für die Sprache zu entwickeln.

 

Wie machen es andere Veranstalter*innen?

Gute Beispiele für Kulturangebote in und mit DGS finden sich etwa beim Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung, beim Deutschen Historischen Museum, bei Poesie handverlesen oder Shut up and sign speak.

 

Links

Deutsche Gebärdensprache auf der Webseite des Deutschen Gehörlosenbundes e.V.

Zur Selbstbezeichnung Taub auf der Webseite von Diversity Arts Culture

Zum Begriff Audismus auf der Webseite von yomma

 

Aktuelle Debatten:

Beitrag zu Kultureller Aneignung beim Musikdolmetschen (Video Bayrischer Rundfunk)

Kommentar zu Deaffaking bei ZDF SOKO, Video mit Untertiteln

Kommentar zu Deaffaking im Vergleich mit Blackfacing, Video mit Untertiteln

Artikel zu Taubheit und Musik in den Medien (Deutsche Gehörlosenzeitung)

Artikel zu Hearing Privileges und Postkolonialismus (Das Zeichen)

 

Dieser Leitfaden ist in Zusammenarbeit mit Silvia Gegenfurtner entstanden.

Silvia Gegenfurtners Etiketten: Taub, weiß, queer und cis. Silvia arbeitet im Kinder- und Jugendclub der Sinneswandel gGmbH.

Außerdem beschäftigt Silvia sich mit gesellschaftlicher Diskriminierung, Macht, Privilegien usw. Daraus kreiert sie Workshops über Audismus, hörende Privilegien und unterrichtet Deaf History, damit der hörende Mainstream hoffentlich irgendwann audismuskritisch agiert.