Das Gespräch im Wortlaut

[Gitarrenintro]

 

Rebecca Maskos: Hallo und Herzlich willkommen zur zweiten Folge von Rampenlicht, einem Podcast zu Behinderung und Kultur. Mein Name ist Rebecca Maskos und ich unterhalte mich mit behinderten Künstlerinnen und Künstlern über Inklusion und Vielfalt. Es geht um Musik und Theater und Tanz und Performance und um Bildende Kunst. Und es geht um den Zugang zum Kulturbetrieb.

[Musik]

Die heutige Folge dreht sich um Theater und Performance. Ich habe mit gleich zwei spannenden Frauen gesprochen: Jana Zöll ist eine der ersten professionell ausgebildeten Schauspielerinnen in Deutschland mit einer Körperbehinderung. Die 34-Jährige ist ungewöhnlich klein und sie benutzt einen Rollstuhl. Seit 2008 hatte sie diverse Engagements auf der Bühne und im Film. Drei Jahre lang war sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt. Mittlerweile ist sie eher auf der Performance-Bühne zu Hause, zum Beispiel bei der Gruppe Un-Label. Am Theater kritisiert sie, dass Regisseure und Dramaturginnen Behinderung oft nur sehr schablonenhaft darstellen.

[Musik]

Davor habe ich mich erst mal mit Noa Winter unterhalten, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Mainz und Expertin für barrierefreie Festivalorganisation. Zu Hause ist sie in den Queer und Disability Studies und in den Gender Studies. Sie schreibt und denkt darüber nach, wie Behinderung kulturell gerahmt wird und darüber, wie man Barrierefreiheit umsetzen kann, auch jenseits von Rampen und Gebärdensprache. Noa Winter identifiziert sich selbst als chronisch krank und behindert. Behinderung ist für sie nicht nur eine Bereicherung von Theater und Performance, sondern eine künstlerische Chance.

[Musik]

 

Rebecca Maskos: Ja, Noa, erst einmal Herzlich willkommen bei Rampenlicht! Schön, dass du dabei bist!

 

Noa Winter: Danke.

 

Rebecca Maskos: Noa, du hast in der Vergangenheit einige inklusive Theaterfestivals mitorganisiert, zum Beispiel das Grenzenlos Kultur Festival in Mainz von der Lebenshilfe und du hast dich auch viel damit beschäftigt, wie man so ein Festival barrierefrei machen kann. Was würdest du denn sagen, wenn ich jetzt Kulturmanagerin wäre oder Kuratorin eines Festivals, auf was müsste ich achten, wenn es um Barrierefreiheit geht?

 

Grundlagen barrierefreier Festivalorganisation

Noa Winter: […] Wenn man eine Kulturveranstaltung organisiert, gibt es natürlich zwei große Gruppen und die Gruppe, auf die ja meistens erst mal geschaut wird, sind: welche Kulturacts, […] also welche Performances, welche Konzerte, was auch immer, welche Künstler*innen wollen wir zeigen? Und das heißt, man muss natürlich versuchen für die Künstler*innen ein barrierefreies Umfeld zu schaffen. Es gibt sehr viele unterschiedliche Behinderungen, also auch ein großes Spektrum von möglichen Barrieren, [je nachdem] welche Gruppen man einlädt. Es fängt natürlich damit an, dass gerade von den Theatern, die wir hier so in Deutschland haben, nicht zwingend alle rollstuhlzugänglich sind. Das heißt man muss gucken, in welchen Räumlichkeiten können wir es machen, beispielsweise manchmal ja auch in welchem Teil vom Theater können wir diese Veranstaltung stattfinden lassen, so dass die Künstler*innen im Bereich hinter der Bühne sich bewegen können. Was eine große Herausforderung sein kann, weil generell, jetzt sagen wir mal beispielsweise am Staatstheater Mainz, eben keine Person mit Rollstuhl angestellt ist, sprich keine Person, die einen Rollstuhl nutzt, sich hinter der Bühne bewegt.

 

Rebecca Maskos: Also das ist einfach nicht vorgesehen, dass Schauspieler*innen oder Tänzer*innen oder andere Leute, die auf der Bühne stehen, selber Rollifahrer sind. Das ist so im Design sozusagen der Bühnen nicht bedacht. Versteh ich das richtig?

 

Noa Winter: Nicht zwingend, genau. […] Also, das ist natürlich auch sehr unterschiedlich. Wir haben ja oft auch Theaterbauten, die einfach sehr alt sind. Das stellt dann natürlich neue Herausforderungen. [Man hat] dann oft so Dinge, wie ein sehr, sehr altes, manchmal ja auch über 200 Jahre altes, Vorderhaus und dann immer kleiner Neubauten dran, die dann zu unterschiedlichen Graden barrierefrei sind, oder, je nachdem wann sie gebaut sind, ja auch zu einem gewissen Grad rollstuhlzugänglich sein müssen […]. Aber es gibt ja einmal „Wie ist es gebaut“ und dann „Wie wird es genutzt“. Wenn beispielsweise Menschen mit Lernschwierigkeiten in die Häuser kommen, ist es natürlich auch gut, diese Dinge vorher zu kommunizieren, da die Menschen, die beispielsweise im Theater an der Pforte arbeiten, nicht unbedingt daran gewöhnt sind, dass jetzt plötzlich Menschen mit Lernschwierigkeiten, die ihr Haus nicht kennen, an ihrer Pforte stehen und dann vielleicht auch mal Unterstützung brauchen, um einen Weg zu finden. […]

 

Rebecca Maskos: Das heißt müsste ich im Grunde die Mitarbeiter dann vorher schulen, müssen die alle Trainings haben, um darauf vorbereitet zu sein, dass Leute mit Behinderung kommen?

 

Noa Winter: Das wäre natürlich ideal, weil das auch heißen würde, dass sich im Allgemeinbetrieb mehr Möglichkeiten öffnen würden. In der Realität ist es eher nicht so. In der Realität ist es so, dass man eher versucht, kurze Gespräche mit den einzelnen Leuten, von denen man denkt, dass es sie besonders betrifft, zu führen, plus, dass wir, wenn wir mit unseren Festivals an Häusern zu Gast sind, dann einfach auch sehr viele Helfer*innen mitbringen, die dann die einzelnen Künstler*innen begleiten.

 

Rebecca Maskos: Genau, also das heißt die Frage, wie kommt man mit dem Rolli in das Haus rein oder auch im Haus zurecht – sowohl als Künstler*innen als auch als Zuschauende – das ist ja das eine. Aber es gibt ja noch ganz viele andere Formen von Barrierefreiheit, die man beachten müsste. Hin und wieder gibt es ja an Theatern schon so etwas wie Audiodeskription. Hin und wieder wird auch mal was übersetzt in Gebärdensprache. Was würdest du sagen sind noch andere Formen von Barrierefreiheit, die immer vergessen werden, wo man gar nicht dran denkt?

 

Barrierefreiheit jenseits der Rampe

Noa Winter: Ich fange mal mit dem Zuschauen an… also wenn wir über Zuschauen reden, reden wir darüber, wie kommen Menschen in diesen Raum, beispielsweise Menschen, die einen Rollstuhl nutzen, und wir reden darüber, welche Formen der Kommunikation kann es geben, also kann es andere Formen geben, Bilder zu erzeugen, oder mit Sprache umzugehen. Das sehen wir auch, dass es ja immer mehr englischsprachige Übertitel gibt, aber selten deutsche. Nicht alle Menschen, die gehörlos sind, können zwingendermaßen Gebärdensprache. Also beispielsweise, [wenn wir an] Menschen mit Lernschwierigkeiten [denken] – von denen wir im deutschsprachigen Raum relativ viele Gruppen haben, wie beispielsweise Theater HORA, Theater Ramba Zamba, Meine Damen und Herren und ähnliche Gruppen, die eine sehr lange Bühnenpraxis haben –, dann merkt man, wie sehr Zuschauen noch die Norm hat, dass man über einen bestimmten Zeitraum – so was wie zwei Stunden – still sitzen muss. Und zwar sowohl quasi bewegungslos sitzen als auch geräuschlos sitzen und einfach nur zuschauen. Das kann für unterschiedliche Gruppen, beispielsweise für Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch für neurodiverse Menschen [eine Barriere sein]. Also eine Person mit Tourette wird in der Regel nicht sich einen zweistündigen Theaterabend stillsitzend angucken können, aber auch Menschen mit chronischen Erkrankungen, das heißt mit chronischen Schmerzen, für die schon eine Stunde sitzen eine totale Herausforderung ist – da merkt man, darauf sind Theater noch nicht so stark vorbereitet.

 

Relaxed Performance

Rebecca Maskos: Wie könnten denn solche Räume aussehen?

 

Noa Winter: Also es gibt ja Ansätze dazu, allerdings eher aus Großbritannien. Es gibt diesen Begriff „Relaxed Performance“, was ich so in Deutschland noch nicht gesehen habe, außer bei Gastspielen, beispielsweise von Jess Thom, mit der Gruppe Tourettes Hero, wo eben Räume so gestaltet werden, dass es sowohl für Menschen, die Stühle brauchen – das kann ja manchmal tatsächlich auch Behinderungsgründe haben, dass es total wichtig ist einen guten Sitzplatz zu haben –, eine Bestuhlung [gibt]. Gleichzeitig aber [andere] auch die Möglichkeit haben, auf Kissen auf dem Boden zu sitzen oder zu liegen. Und da wird auch oft am Anfang eine explizite Erlaubnis [aus]gesprochen, sich beispielsweise während der Vorstellung im Raum zu bewegen. Was es eben dann auch mehr Menschen ermöglicht, die ganze Zeit dabei zu bleiben. Denn häufig ist es ja so: Sobald man merkt, dass man aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr sitzen kann, dann muss man diesen Raum verlassen und kann auch nicht mehr wieder reinkommen. Und das wird da beispielsweise durchbrochen. [Häufig arbeiten] diese Künstler*innen noch mit anderen Formen: Also Ticks [sind] zum Beispiel explizit erlaubt, oder jegliche Reaktionen auf Aufführungen […], plus was dann noch dazukommen kann, dass eben auch häufig mit anderen Formen der Kommunikation gearbeitet wird, also beispielsweise auch mit der Gebärdensprache… Also das heißt den Raum möglichst flexibel zu gestalten. [Ein] Knackpunkt [ist], [dass] das keine Dinge [sind], die man nachträglich zu einer Aufführung hinzufügen kann, sondern das sind Dinge, die eigentlich schon im Produktionsprozess – und dann sind wir eigentlich schon wieder bei richtig tiefgreifenden Veränderungen – mitbedacht werden müssen. Wo man auch merkt, da gibt es einfach starke Unterschiede. Natürlich ist es total gut, dass immer mehr Theater anbieten, dass sie ab und zu eine Vorstellung in Gebärdensprache übersetzen. Gleichzeitig ist es ein wesentlicher Unterschied, ob Gebärdensprache als ästhetisches Mittel, also als Teil der Aufführung integriert ist, also auch im Probenprozess tatsächlich, oder ob es dann nur um einzelne Aufführungen geht und dann eben wirklich Dolmetscher*innen, wie man das so klassisch kennt, als schwarz gekleidete Personen am Rand der Bühne stehen in ihrem kleinen Lichtkegel und nebenbei die Aufführung passiert. Das kann nämlich dazu führen, dass es dann eher eine Ablenkung ist oder dass es schwierig ist, beides im Blick zu haben. Denn natürlich möchten auch gehörlose Menschen ja nicht nur die Dolmetscher*innen [sehen], die irgendwie in der Ecke stehen, damit sie nicht vor den Schauspieler*innen stehen, sondern beides. [Dadurch] entstehen auch ganz neue und natürlich auch spannende künstlerische Formen, wenn man tatsächlich Barrierefreiheit und damit auch die Personen, die diese Barrierefreiheit bereitstellen, [einbezieht]. Oder die – seien es Matratzen im Zuschauerraum oder ähnliche Dinge – also die Requisiten – die Ausstattung, die Barrierefreiheit möglich macht, gegebenenfalls auch Übertitel – die können ja auch ästhetisch einbezogen werden. Also dass [Barrierefreiheit] eben nicht nur irgendwie aufwendig ist und gegebenenfalls viel Geld kostet, sondern das es auch was ist, was uns sehr viele neue ästhetische Möglichkeiten eröffnet.

 

Rebecca Maskos: Stichwort Relaxed Performance und möglicherweise Rausgehen aus der Performance: Wie würdest du vorschlagen, soll man damit umgehen, wenn ein Mensch mit Lernschwierigkeiten in einer Aufführung einfach viele und laute Zwischenrufe macht? Ich weiß, dass das immer mal wieder Thema ist, weil es da einfach sehr unterschiedliche Meinungen gibt dazu, wie weit sozusagen Inklusion gehen darf. Das wird dann immer gerne gefragt. Was denkst du dazu?

 

Noa Winter: Im Idealfall, dass Inklusion nicht weit genug gehen kann. Aber natürlich kann es ein reales Problem sein, mit dem man konfrontiert ist. Ich glaube letztendlich würde ich sagen, sollte man in einem gewissen Teil da tatsächlich die Agency also die Entscheidung, ob da gehandelt werden soll oder nicht, an die Performer*innen [abgeben], also an die Personen, die gerade auf der Bühne stehen und damit in einer gewissen Weise umgehen müssen und gleichzeitig auch eher ein Gefühl für das Publikum als Gesamtes haben, als jetzt beispielsweise eine Regieassistenz, die irgendwie neben der Bühne oder ganz am Rand sitzt. […] Manchmal können dann Dinge auch durch einen Einbezug geregelt werden. Gleichzeitig [gibt es] so viele unterschiedliche Formen von Theater, dass […] es sehr schwierig [ist], da eine allgemeine Regel aufzustellen.

 

Rebecca Maskos: Im Gespräch mit Noa habe ich gemerkt, wie viel möglich ist, wenn Theater und Performance es ernst meinen, mit einer inklusiven Inszenierung.

Jana hat bisher auf Bühnen des Standardtheaters gespielt, dabei hat sie oft das Gefühl gehabt, nicht alle ihre Fähigkeiten zeigen zu können.

[Musik]

 

Rebecca Maskos: Jana, Herzlich willkommen bei Rampenlicht.

 

Jana Zöll: Hallo.

 

Rebecca Maskos: Du bist freie Schauspielerin. Du arbeitest in Performance-Ensembles mit und du hattest auch eine Zeit lang ein festes Engagement. Wie ist das gekommen, wie bist du zum Schauspiel gekommen?

 

Jana Zöll: […] Im Grunde habe ich das schon in der Grundschule gemacht, das erste Mal Theater AG, das hat sich dann über meine Schullaufbahn immer mal wieder wiederholt und dann in der Abizeit fragt man sich, was mach ich denn jetzt. Ich wollte eigentlich Psychologie studieren und dann habe ich zufällig von einer integrativ arbeitenden Schauspielschule in Ulm gehört. Vorher war das in meinem Kopf gar nicht drin, dass es diese Möglichkeit für mich geben könnte, das beruflich zu machen. Und dann ließ es mich nicht mehr los. Und dann musste ich mich da bewerben und alle anderen Pläne über den Haufen schmeißen. Und [es] hat geklappt und dann habe ich meine Schauspielausbildung gemacht.

 

Pilotprojekt integrative Schauspielschule

Rebecca Maskos: Und was war das für eine Schule? Also wie sah denn da das integrative Schauspielen aus?

 

Jana Zöll: (Lacht) Gar nicht, würde ich letztlich sagen. Also es sah in dem Sinne so aus, dass es eigentlich hieß: Menschen mit Behinderung können gerne herkommen und hier die Ausbildung machen, aber wir ändern an unserem Konzept und an unseren Räumen und so deshalb nichts. […] Also, es wurde schon versucht mit Aufzug und so, aber dann war immer Denkmalschutz und so weiter … Klar gab es auch immer gute Gründe, warum etwas nicht ging. Und wenn man irgendwie Anfragen hatte, wie man jetzt die Übungen für sich umsetzen könnte, hieß es [von den Dozenten]: „Na ja, kann ich dir auch nicht helfen, bin ich nicht für ausgebildet“. Es war ein Pilotprojekt. Bei einem Pilotprojekt würde ich mir heute vor allem auch denken, gut das braucht dann auch das Engagement und das Interesse da Dinge zu erforschen. Das war so nicht da. Aber man hatte halt überhaupt die Möglichkeit, dort die Ausbildung zu machen, die ich sonst nirgendwo gehabt hätte.

 

Rebecca Maskos: Hast du noch von anderen Schauspielern gehört, dich sich irgendwie, also Schauspielern mit Behinderung, die sich bei anderen Schauspielschulen beworben haben?

 

Jana Zöll: Nach mir, ja. Auch wenn [sie] irgendwie nur eine leichte Gehbehinderung oder eine Prothese oder so [hatten], habe ich gehört, dass das einfach – keine Chance. Keine Chance! Und […] weil ich zwischenzeitlich sehr unzufrieden mit meiner Ausbildung war, [habe ich] dann im Nachgang noch versucht, an andere Schulen zu wechseln und habe halt auch alles gehört von Brandschutz bis weiß ich nicht ...

 

Rebecca Maskos: Also „Es geht nicht, Behinderte nehmen wir nicht auf?!“

 

Jana Zöll: Ja.

 

Rebecca Maskos: Und du hast dich dann da irgendwie so durchgearbeitet und hast deinen Abschluss gemacht ... Wie ging es dann weiter für dich?

 

Jana Zöll: Ich hatte in Ulm mein Ein-Frau-Stück geschrieben und mit der Hilfe von einem Dozenten noch inszeniert. Das habe ich dann angefangen irgendwie an Schulen und Veranstaltungen zu verkaufen. Ich hatte Glück, dass ich da auch gute Connections hatte. Dann hat das irgendwie der Kölner Stadtanzeiger mitgekriegt und was über mich gebracht und dann kam RTL und wollte was über mich bringen. Das war das Furchtbarste, das je in den Medien über mich gekommen ist, aber dadurch habe ich dann irgendwie eine Lesung bei Florian Langenscheidt und seinem damals neuen Buch bekommen. Ich habe über den Peter Radtke das Engagement am Theater Ingolstadt damals gehabt. Da haben wir ein Stück unter seiner Regie aufgeführt. Ich habe 200 Bewerbungen damals rausgeschickt, glaube ich, und ein Vorsprechen bekommen in Leipzig. Unter Sebastian Hartmann. Und so ging das halt dann von Projekt zu Projekt. Mal waren [das] so semiprofessionelle und teilweise sehr peinliche inklusive Dinger. Mal waren es an einem Theaterhaus wirklich professionelle Sachen, mal waren es in der Freien Szene inklusive Projekte, die ich aber als auf einem professionellen Niveau empfunden habe. Also sehr unterschiedlich. Ich hatte auch ein bisschen Glück, weil da, wo ich sozusagen auf den Markt kam, war inklusiv im Kulturbereich voll im Kommen und en vogue ... Und ich glaube dadurch habe ich angelehnte Türen aufgetreten (lacht) sozusagen.

 

Rebecca Maskos: Aufgerammt mit dem Rolli ...

 

Jana Zöll:(lacht) Ja, sozusagen.

 

Rebecca Maskos: Okay.

 

Für den immer gleichen Special Effect gecastet

Jana Zöll: Und Hartmann, so umstritten er ist, und [obwohl] ich sicherlich auch so meine Differenzen mit ihm habe, Hartmann hat mir sicherlich auf dieser professionellen Schiene Türen geöffnet und war der, der mir überhaupt eine Chance gegeben hat. Aber natürlich in bester Special-Effect-Manier, wie ich immer sage.

 

Rebecca Maskos: Das heißt?

 

Jana Zöll: Dass ich es so wahrnehme, dass ich an klassisch professionellen Theaterbühnen gerne als der Special Effect eingesetzt werde. Durch meinen Körper kann man so „besondere Bilder“ kreieren.

 

Rebecca Maskos: Wie muss ich mir das vorstellen? Wie sieht denn ein besonderes Bild aus? Was haben sie sich denn da ausgedacht?

 

Jana Zöll: Ein besonderes Bild sieht aus… also das erste Mal finde ich das dann selber auch noch lustig, wenn ich aus einem Umzugskarton komme überraschender Weise.

 

Rebecca Maskos: Rausspringst?

 

Jana Zöll: Sozusagen.

 

Rebecca Maskos: Oder der Karton wird aufgemacht und du bist dann da drin?

 

Jana Zöll: BÄM! Und dann ist da so ein kleiner krakeelender Irgendwas drin, in Form von mir. Es war schon auch irgendwie ein cooler erster Auftritt auf einer professionellen Theaterbühne, als Schauspielschulfrischling, so frisch von der Schauspielschule. Aber dann, als dann irgendwie Jahre später am Staatstheater Darmstadt das erste Stück in dem ich mitspielte, mein erster Auftritt dasselbe in grün war, nämlich dass ich aus einer grünen Umzugstasche, aus so einer Tragetasche kam, dachte ich mir: Ja! Ha, ha, ist total lustig…

 

Rebecca Maskos: (lacht) Alles schon mal gesehen.

 

Jana Zöll: … (ironisch) und auch so neu!

 

Rebecca Maskos: (lachend) Genau! Ja, ich habe auch ein Stück mit dir gesehen, da bist du auch aus einem Karton gekommen.

 

Jana Zöll: Ich glaube, das war das.

 

Rebecca Maskos: Also das ist immer so „Jack in the Box“. Das ist so deine Rolle, ja?!

 

Jana Zöll: Genau.

 

Rebecca Maskos: Und gibt es denn Leute, [die das] diskriminierend oder seltsam finden, oder die denken, das kann man doch nicht mit dir machen, dass du jetzt als Mensch so verpackt wirst auf der Bühne?

 

Jana Zöll: Also das fanden manche kritisch, als ich mal in so einem großen Vogelkäfig auf die Bühne kam. Aber das [fand ich] gar nicht so blöd, weil das halt wirklich was erzählt [hat], und über die Rolle erzählt [hat]. Das war irgendwie eine Kriegsgefangene...

 

Rebecca Maskos: Was für Rollen hast du noch bekommen in Darmstadt? Also du durftest aus Kartons springen und warst im Käfig...

 

Jana Zöll: Aus Taschen, aus Käfigen… eine wirklich schöne Rolle – aber auch irgendwie natürlich so, na ja, mhm, kreativ bei meiner Körpergröße – war, dass ich in Mio mein Mio den Mio gespielt habe.

 

Rebecca Maskos: Also ein Kind...

 

Jana Zöll: Also den 9-jährigen Jungen. Aber das war trotzdem die liebste Rolle, die ich in den drei Jahren gespielt habe, glaube ich. Cool war dann auch, ich hab Virginia Woolf gespielt, aber da merkte ich im Nachgang auch, das ist halt auch nicht so richtig gelungen. Ich bin trotzdem ein bisschen nebenhergelaufen. Ich habe halt immer Wert darauf gelegt, möglichst nicht mit Rolli auf die Bühne zu gehen, weil der Rolli sofort dieses Stigma hat und sich das eins zu eins dann sofort auf die Rolle überträgt. Ich Rolli, Rolle Rolli, so... Und deshalb wollte ich das immer möglichst vermeiden. Es gab irgendwie zwei, drei Stücke, wo ich mit dem Rolli auf der Bühne war, wo es dann aber okay war, wo es dann auch egal war, ob die Rolle jetzt Rollifahrerin war oder nicht. Aber sonst legte ich da oft Wert drauf, dieses Symbol wegzulassen. […] Weil es sozusagen das ganze Stück dann prägt…

 

Rebecca Maskos: Deine Rolle festgelegt ist und du sozusagen...

 

Jana Zöll: Ja. Festgelegt auf diese Schublade behindert, Rollstuhlfahrerin. Man sieht natürlich auch an meinem Körper so, dass er anders ist, aber es gibt nicht sofort so eine vorgefertigte Schublade, auf die man zugreifen kann, wo man sagen kann, okay, das ist es, da kann ich es reinstecken und wieder zu machen.

 

Rebecca Maskos: Und wie hast du dich dann fortbewegt auf der Bühne?

 

Jana Zöll: Das war eben oft das Problem, dass man da schwierig wirklich gute Lösungen gefunden hat. Gerade im Schauspiel ist das schwer, habe ich inzwischen so für mich rausgefunden. Ja, dann in Virginia Woolf zum Beispiel habe ich in einem Sessel gesessen, um den halt Kufen gebaut worden sind, und dann konnten die Kollegen mich so ein bisschen in dem Sessel hin und her schieben. Aber es kriegte dadurch natürlich auch etwas sehr Passives und sonst wurde viel mit ‚Ich werde von Kollegen getragen oder gehoben‘ gearbeitet. Im letzten Stück in Darmstadt hatte ich ein kleines Kinderelektroauto, das fand ich ziemlich geil.

 

Rebecca Maskos: (lacht)

 

Jana Zöll: Ja, das war ziemlich cool. Aber leider kam das auch nur ganz kurz zum Einsatz. Und sonst bin da auch viel getragen worden, vom Kollegen. Oder in einem Einkaufswagen bin ich reingeschoben worden und so. Aber das letzte Stück war von dem Thema her mit am besten gelöst für mich.

 

Rebecca Maskos: […] Du hast am Anfang erzählt, das war teilweise auch schwierig und du warst oft nur so ein bisschen nebenbei irgendwie so...

 

Jana Zöll: Ja.

 

Wenig Angebote von Rollen mit Tiefgang

Rebecca Maskos: Hast du denn auch das Gefühl gehabt, dass die Tatsache, dass du dabei warst, eine große Chance war für die Inszenierung, dass das was gemacht hat mit der Inszenierung? Gerade auch solche Sachen, du bist im Einkaufswagen oder du bist in der Kiste oder sonst wo...

 

Jana Zöll: Na ja, also diese Kistensachen und so waren ja immer so einzelne Bilder. Für diese Szene war das, fanden die Regisseure, auf jeden Fall total toll. Aber es hat jetzt nicht irgendwie eine Auswirkung auf das ganze Stück, irgendwie eine Bereicherung oder Nicht-Bereicherung. Weil ich selten, das bemängele ich halt, ich hatte selten eine Rolle, wo ich wirklich eine Figur entwickeln konnte, also wo ich wirklich schauspielerisch…

 

Rebecca Maskos: …dich entfalten konntest.

 

Jana Zöll: …mich zeigen konnte, sondern es war eben, BÄM, ich erzähle das eine Bild. Und es war sicher ganz praktisch dafür, dass ich auch die Schauspielausbildung hatte und so gesehen das eine Bild dann auch füllen konnte. Aber in den meisten Fällen hätte man darauf wahrscheinlich auch verzichten können. […] Überspitzt gesagt. Es gäbe sicher Möglichkeiten, Potentiale. Ich glaube, die sind aber nicht ausgeschöpft worden.

 

Rebecca Maskos: Warum nicht, was denkst du? Oder was müsste passieren, damit die ausgeschöpft werden?

 

Jana Zöll: Aufhören konzeptionell zu denken, sondern wirklich mit der Person arbeiten, die da ist. Und das Problem ist, dass Regisseure und Dramaturgen vorher immer meinen, sie müssen diese Behinderung und diese spezielle Besetzung in ihr Konzept einbauen. […] Da denke ich halt schon so: Weiß ich nicht, nö, muss ja eigentlich nicht. Und vor allem, sie gehen ja nur von ihren Gedanken aus, sie haben ja wahrscheinlich noch ganz wenig Berührung in der Regel mit Menschen mit Behinderung gehabt und das sind halt so Kopfgeburten…

 

Rebecca Maskos: Wie würdest du das denn angehen? Sagen wir, wenn du jetzt jemanden hast, der halt einfach eine körperliche Besonderheit hat, würdest du sagen im Grunde kann jeder Mensch jede Rolle spielen?

 

Jana Zöll: Ich würde sagen, es gibt keinen Menschen, der weniger jede Rolle spielen kann als ein anderer. Ich glaube, keiner kann jede Rolle spielen, aber nur weil ich eine andere Körperlichkeit habe, kann [ich] nicht weniger Rollen spielen als jemand anderes. Also das heißt, was aber klar ist, ich spiele sie natürlich auf meine Art. Aber das wird der Kollege auch tun. Es ist nur nicht für die meisten so direkt ersichtlich der Unterschied. Wobei wenn man wirklich hinguckt, ich merke immer mehr, dass ich mich eh nicht so sehr mit diesem Sprechtheater und diesen Rollenlogiken und Verständnissen identifiziere. Ich brauche was Energiegeladenes. Ich will irgendwas mit Power, genau das, was irgendwie mir erst mal natürlich abgesprochen wird, von jemandem, der nicht hinguckt. Von jemandem, der nur von außen drauf guckt und eben nur die vermeintlichen Defizite sieht. Und das ärgert mich halt, wenn Regisseure wirklich hingucken würden, wie ich arbeite und auch das Wesen dieser Schauspielerin wahrnehmen würden, glaub ich, würde ich ganz andere Rollen kriegen […]. Also ich habe halt immer das Gefühl gehabt, das entspricht einfach nicht mir!

 

Rebecca Maskos: Also, das heißt, […] du hast das Gefühl gehabt, du bist ein bisschen in so ein Schema gepresst [worden], vor allem bei deinem Engagement...

 

Jana Zöll: Ich […] bin so mit der Idee angetreten als Schauspielerin, ich will auf die stinknormalen Bühnen und von da aus die Wahrnehmung in der Gesellschaft ändern, einfach dadurch, dass ich ja auf der Bühne dann auch irgendwie ganz normal mit dabei bin. Aber da dran bin ich natürlich gescheitert, weil die Dramaturgen und die Regisseure haben bestimmt auf welcher Art ich auf der Bühne mit dabei bin und das hatte selten Normalität.

 

Rebecca Maskos: Würdest du denn trotzdem [zu den] Leuten mit Behinderung sagen „Kommt auf die Bühne, kommt in die Schauspielschulen, macht, seid dabei“? Oder würdest du eher davon abraten, dass Leute mit Behinderung Theater machen?

 

Jana Zöll: Leute mit Behinderung, macht das, wo drauf ihr Bock habt! Sei es Theater, sei es Bankangestellter. MACHT DAS, WAS IHR WOLLT und lasst euch nicht erzählen, was ihr könnt oder was ihr wollt oder zu wollen habt oder nicht zu wollen habt, sondern geht hin und sagt: „Hi, hier bin ich, ich mach dann mal!“

 

Rebecca Maskos: Was wünscht du dir von Regisseuren und Dramaturgen und von Theatermachern, Theaterintendanten, Intendantinnen?

 

Jana Zöll: Weg von einer Form, vom Konzept, hin zum Menschen gucken, und das betrifft ja auch die ganze Maschinerie Theater. Es ist natürlich für jemanden mit Behinderung und sehr offensichtlich andersartigem Körper noch mal sehr viel deutlicher zu spüren. Aber die süße kleine Blondine kriegt halt auch nur immer die Rollen der süßen kleinen Blondine. Ob die eigentlich ein ganz anderer Typ ist und andere Rollen vielleicht sogar viel besser verkörpern könnte – Ich weiß nicht warum, aber so gucken die Leute nicht! Ich verstehe das auch nicht, ehrlich gesagt, aber so ist es.

 

Rebecca Maskos: Ja, das heißt, du bist jetzt nicht mehr so oft auf Bühnen zu sehen wie früher, aber du bist ja noch nicht ganz weg von der Bühne. Wo kann man dich denn heute noch sehen? Wo bist du noch dabei?

 

Jana Zöll: Also ich bin erstaunlich viel wieder auf der Bühne, [mehr] als ich dachte...

 

Rebecca Maskos: Mit welchen Kompanien arbeitest du?

 

Jana Zöll: Einmal war ich mit Un-Label, das ist eine Performing-Arts-Company, die ihren Sitz in Köln hat. Und dann bin ich inzwischen in Leipzig und habe da, da gibt es eine semi-professionelle mixed-abled Tanz – Company ist fast zu viel gesagt. Also nicht mehr diese Fremdbestimmtheit. Als Schauspielerin habe ich mich schon auch extrem so einer Fremdbestimmtheit hingegeben, vielleicht auch mehr als andere Kolleg*innen, weil ich merkte, der Kampf ist müßig. Dann habe ich jetzt schon das Gefühl, die eigenen Ideen in die Welt zu bringen und die dann auch selber in Eigenverantwortung umzusetzen, ist nochmal was ganz anderes […]. Das Tanzen ist wider Erwarten viel einfacher divers zu gestalten als Schauspiel. Ich glaube dadurch, dass Tanz in sich abstrakter ist, ist es weniger – sagen wir mal kurios – wenn du dich anders bewegst als die anderen auf der Bühne, weil die anderen bewegen sich auch anders als der nächste andere. Damit zu arbeiten ist unheimlich bestärkend und bestärkend in einem Vertrauen zu dem eigenen Körper. Also ich merke im Moment, dass Tanz unheimlich was mit meinem eigenen Körpergefühl und meinem eigenen Bezug zu meinem Körper macht. Und dass das, um das Wort mal zu benutzen, sehr empowernd ist.

[Musik]