Antisemitismus

antizemiˈtɪsmʊs

Antisemitismus

ist ein in Deutschland geprägter Begriff und bezeichnet die Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen.

 

Der Begriff des Antisemitismus wurde zur Bezeichnung der Feindschaft gegen jüdische Menschen im späten 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum geprägt und in Europa verbreitet. Er wurde von deutschen Antisemiten als politischer Protest- und Kampfbegriff gegen die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung im jungen Deutschen Reich eingeführt.

Oft wird zwischen Antijudaismus als Diskriminierung jüdischer Menschen aufgrund ihrer Religion und modernem Antisemitismus als Diskriminierung aufgrund der „Rasse“ unterschieden. Formen der Diskriminierung aufgrund von Religion und „Rasse“ sind jedoch nicht klar zu trennen, sondern haben eine verwobene Geschichte. So wurden zum Beispiel schon im Mittelalter jüdische Menschen in Spanien nicht aufgrund konfessioneller Zugehörigkeit, sondern der „Reinheit des Blutes“ von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und verfolgt.

Die Kategorie der „Semiten“ umfasste in der deutschen Völkerkunde und Sprachwissenschaft noch im 18. Jahrhundert meist alle Völker des Nahen Ostens beziehungsweise Westasiens und bezeichnete semitisch sprachige Völker. Im späten 19. Jahrhundert wurde sie zunehmend auf jüdische Menschen als Bezeichnung einer „semitischen Rasse“ verengt. In dieser Zeit wurde die Kategorie der „Rasse“ nicht länger primär auf kolonisierte und nicht-weiße Menschen angewandt, sondern zur Selbstbeschreibung und sozialen Unterscheidungen innerhalb der weißen Bevölkerung Europas herangezogen. Für die deutschen Antisemiten, die sich als Teil einer „germanischen“ oder „arischen Rasse“ verstanden, wurde die „semitische Rasse“ zur primären Abgrenzungsfolie.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es eine Welle von Pogromen (gewaltsamen Ausschreitungen gegen Minderheiten) und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Russland und ganz Europa. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen antisemitische Ressentiments (Abneigungen aufgrund von Vorurteilen) zu und die jüdische Bevölkerung wurde zu Sündenböcken für die sozialen Probleme einer sich wandelnden Gesellschaft. Jüdische Menschen wurden zugleich mit dem Kapitalismus und dem Kommunismus identifiziert. So konnten wirtschaftliche Entwicklungen und politische Konflikte stark vereinfacht und durch eine vorgestellte jüdische Weltverschwörung erklärt werden.

Fanden in der Weimarer Republik antisemitische Positionen immer größeren Zuspruch, bildete die Ideologie des Antisemitismus im Nationalsozialismus die Grundlage für die Entrechtung, Enteignung, Verfolgung und den Völkermord an der jüdischen Bevölkerung. Fast sechs Millionen jüdische Menschen wurden im Holocaust in Europa systematisch ermordet. Im Nationalsozialismus wurden jedoch nicht nur jüdische Menschen verfolgt, sondern auch Sinti und Roma, Schwarze Deutsche, Menschen mit Behinderungen, homosexuelle beziehungsweise queere Menschen, Kommunist*innen und andere politische Gegner*innen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Antisemitismus innerhalb und außerhalb Europas stark verbreitet. Diskutiert wird in der europäischen Politik und Forschung dabei das Verhältnis von Antizionismus, als Kritik am 1948 gegründeten Staat Israel und dessen Politik, und Antisemitismus. Unter anderem stellt sich hier besonders ein Problem für die Betrachtung anti-israelischer Haltungen in Westasien beziehungsweise dem Nahen Osten: Oft wird ein in Europa geprägter Begriff des Antisemitismus auf andere geografische Kontexte direkt übertragen. Doch wie können Blickweisen der Antisemitismusforschung, die sich als Reaktion auf den Holocaust in Europa entwickelte, transnationale Zusammenhänge fassen?

Um Gemeinsamkeiten benennen zu können, wird der Begriff Antisemitismus häufig für unterschiedliche geschichtliche und geografische Räume verwendet. Doch werden dabei zugleich Unterschiede und Verbindungen zu anderen Phänomenen verdeckt. So steht zur Debatte, ob der Begriff des anti-jüdischen Rassismus den Zusammenhang mit anderen Formen von Rassismus besser fassen könnte. Sofern Antisemitismus nicht nur in einer europäischen und nationalen, sondern auch in einer globalen Geschichte von „Rasse“ und Rassismus entstanden ist, sind die transnationalen und kolonialen Bedingungen, aber auch Besonderheiten und geografischen Spezifika anti-jüdischer Affekte und Ausgrenzungen noch ungenügend erfasst.

 

Dieser Text ist ein Gastbeitrag von Anna Danilina.

Anna Danilina ist Doktorandin am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und dem Max Planck Institut für Bildungsforschung. In ihrer Doktorarbeit zur Völkischen Bewegung, Siedlungen und Verkörperung von Rasse, Rassismus und Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert vereint sie unter anderem Ansätze aus der postkolonialen Theorie, Critical Race Theory und kritischen Weißseinsforschung mit der Arbeit zum Thema Antisemitismus. Sie hat Vorträge und Workshops u.a. am Zentrum für Antisemitismusforschung, im Rahmen der Reihe „Schwarze Lebensrealitäten in Deutschland – zwischen kolonialen Kontinuitäten und Widerstand“ und bei der Konferenz „Race, Power and Priviledge in Academia“ an der Humboldt-Universität gegeben.