Vom 29. bis 31. August fand unsere erste Summerschool für Schwarze Künstler*innen und Künstler*innen of Color statt.

Drei Tage lang bot die Summerschool Raum, sich zu professionalisieren, sich zu vernetzen und von erfahrenen Kulturschaffenden zu lernen. Und Raum, um Aushandlungsstrategien zu entwickeln, die gegen Rassismus im Kulturbetrieb helfen. Dabei standen Fragen zu Ästhetik, Förderung und zu Rechtsangelegenheiten genauso auf dem Programm wie Empowerment und Mentoring.

Azadê Peşmen hat die Summerschool für uns begleitet.

Das Gespräch im Wortlaut

"Das war sehr praktisch angelegt und das fand ich sehr, sehr gut. Know-How, Strategien, also nicht nur, dass man sich austauscht über den Stand der Dinge, was auch wichtig ist, jenseits des Anprangerns. Bis jetzt ist es sehr gut", sagt Nine Yamamoto-Masson, Künstlerin, Akademikerin, Theoretikerin und Teilnehmende der Summerschool für Künstler*innen of Color, die von Diversity Arts Culture veranstaltet wird. Auch der Kulturbetrieb ist nicht frei von Diskriminierung und so erfahren die Künstler*innen, wie sie sich am besten dagegen wehren können.

"Die Rechtsberatung fand ich wirklich sehr, sehr gut. Wir haben dann erfahren, das muss nicht so sein, hier ist die Rechtsprechung, hier kann ich mein Recht einfordern, so geht das. Obwohl es ziemlich viel Anstrengung erfordern würde. Ich weiß nicht, ob das zugänglich ist, aber überhaupt darum zu wissen… Dass es das im Gesetz gibt, war mir nicht klar. Einerseits das gegen Diskriminierung allgemein, da ging es um Arbeitsverträge oder Absprachen und wie man dann minimalisieren kann, dass man ausgebeutet wird, was leider immer wieder passiert im Kulturbetrieb und vor allem, wenn man marginalisiert ist, also einer marginalisierten Gruppe oder Identität angehört. Das fand ich sehr konkret, sehr gut." (Nine Yamamoto-Masson)

"Als Menschen, die arbeiten, denke ich, dass Künstler*innen vor allem ein Problem haben bezüglich des Arbeitsverhältnisses, in dem sie stecken. Also darüber haben wir heute auch gesprochen. Also die Selbständigkeit, dass dann häufig nicht ganz klar ist, wer ist eigentlich für mich verantwortlich und dass man selbst dafür sorgen muss, dass man sich vor Diskriminierung schützt. Das ist eine sehr, sehr große Leistung, die man erbringen muss als Selbständige – sowieso in der freien Wirtschaft, aber als Künstler*in of Color nochmal stärker. Gerade weil es kein richtiges Verständnis von Diskriminierung in der Gesellschaft gibt", sagt Celine Barry, die beim Verein Each One Teach One Schwarze Menschen berät, die Diskriminierung erfahren. "Rechtlich, aber auch strategisch was tun bei Diskriminierung ganz konkret." (Celine Barry) Bei Künstler*innen of Color kommt noch dazu, dass sie oft freiberuflich arbeiten, viele in prekären Verhältnissen. Dass sie trotzdem vor Diskriminierung geschützt sind und ihre Auftraggeber sich, in den meisten Fällen, auch nicht aus dieser Verantwortung ziehen können, ist nicht allen klar. "Was ich gesehen habe, was ich einfach oft sehe, ist eine sehr pessimistische Sicht darauf, was man eigentlich tun kann gegen Diskriminierung. Und das ist immer schade, dass man sich lieber dafür entscheidet, die Diskriminierung auf sich zu nehmen [und] nicht so viel darüber zu sprechen. Dass man immer aufpassen muss, wie offen rede ich jetzt darüber. Das ist meines Erachtens das, was so nachhaltig dafür sorgt, dass Diskriminierung nicht bekämpft werden kann, wenn wir nicht darüber sprechen können. Wenn wir Ärger dafür bekommen, wenn wir darüber sprechen." (Celine Barry)

 

Austausch über Strategien und Erfahrungen

Die Teilnehmenden der Summerschool nutzen den Raum, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und erörterten Strategien, wie man womöglich schon im Vorhinein im Arbeitsvertrag festlegen kann, dass Diskriminierung nicht geduldet wird. Aber Künstler*innen of Color und Schwarze Künstler*innen teilen auch andere Fragen miteinander.

"Wie komme ich an bezahlte Stellen, ohne zu viele Kompromisse machen zu müssen, wenn ich politisiert denke?", sagt Jacqueline Ejiji, Historikerin und Mitbegründerin von We Dey. "Wie schaffe ich mir Netzwerke, wo Gleichgesinnte, also wo ein Minimum von einer gemeinsamen Basis vorhanden ist? Wie schaffe ich mir die und wie pflege ich die? Wie kann ich daraus, ohne in zu großen Schritten zu denken, kleinere Sachen beginnen und aktiv werden?" (Jacqueline Ejiji) We Dey ist ein selbstorganisierter intersektionaler Kunst- und Community-Raum, in dem Schwarze Künstler*innen und Künstler*innen of Color im Mittelpunkt stehen und die Möglichkeit haben, ihre Arbeiten aus ihrem eigenen selbstbestimmten Blick zu zeigen. Etwas, das ihnen in der Mainstream-Kunstszene oft verwehrt wird.

"Ich finde es immer toll von Leuten zu lernen oder einen ehrlichen Erfahrungsaustausch zu haben oder von Leuten zu lernen, die auch einen Erfahrungsschatz mitbringen und sagen, das klappt, das klappt nicht, hier, pass auf die Sachen auf, auf die anderen Sachen nicht. Es ist schön zu erfahren, wie das zustande kam, also ein Projekt, das wir als erfolgreich ansehen und das auch wirklich tolle Sachen macht und trotzdem noch zu merken, die müssen noch hart arbeiten. Das kann gleichzeitig ein bisschen Hoffnung geben, sehr inspirieren und dann auch noch Wissen, Strategien und gute Tipps uns mitgeben. Wir können viel davon lernen auf jeden Fall." (Nine Yamamoto-Masson)

Auch für We Dey stellt sich, wie auch für die Teilnehmenden der Summerschool, die Frage nach den Finanzen. Auch wenn es manchmal vielleicht ganz gut ist, über diese Frage nicht nachzudenken. „Wenn ich am Anfang darüber nachgedacht hätte, wie ich jeden Monat die Miete zahle, hätte ich es nicht gemacht. Ich bin da reingegangen mit 'Es braucht diesen Raum, es wird Leute geben, die das verstehen und auch Geld investieren‘. Und wir hatten den Mietvertrag nur für zwei Jahre. Also ich hatte wirklich auch reingepulvert, was meine Zeit und meine Energie angeht, auch zum Teil einfach Geld, was ich durch andere Lohnarbeit irgendwie gemacht habe. Und ich finde es aber auch spannend [sich zu fragen], was bedeutet Nachhaltigkeit wirklich. Weil ich finde, nachhaltig ist auch, dass solche Projekte an unterschiedlichen Punkten zeitlich und geografisch passieren. Das ist für mich nachhaltig", erklärt Sunanda Mesquita, Mitbegründerin von We Dey. Sie ist Illustratorin, zeichnet unter dem Alias Decolonial Killjoy, kuratiert und betreibt Community-Arbeit.

 

"Weil machmal ist Dekoloniales ja total trendy. Wie gehen wir damit um?!"

"Und so ein Grundgedanke war schon auch so eine Plattform zu machen, eben we-dey.in, wo wir auch darüber reden können, was kriegen wir für Aufträge, wie sind die Institutionen gerade fokussiert, weil manchmal ist Dekoloniales ja total trendy. Wie gehen wir damit um?!"

"Decolonizing. People don't know what they are talking about, you know?! Because when they think decolonizing – they see me and they want to talk about decolonizing. But they don't see themselves. And I think for me, the first stage of that decolonization is about looking at yourself and the mirror. It's not again looking at others. Because that is a colonizing gaze again. And so people do it as part of their work, they go to their job at nine and end at five and they decolonize seven hours and then they go home and then it is business as usual. It is about where does the coffee come from that you drink in the morning. How do you speak to your kids. What books do they read. And all of that. But it's always like this external thing: I'm gonna make a decolonizing exhibition. Exhibitions don't decolonize. And it is not a five year plan. Every time I say it's gonna take us at least 200 years people panic because then the funding will be gone. So what can we do about it?" Gabi Ngcobo. Sie hat die 10. Berlin Biennale kuratiert und arbeitet schon seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Kunstinstitutionen. In Südafrika hat sie die Plattform NGO – Nothing Gets Organised – und das Center for Historical Reenactment mitgegründet. In der Summerschool deckt sie den Programmpunkt Mentoring ab und berichtet von ihrer künstlerischen und kuratorischen Praxis. Aber auch von persönlichen Erfahrungen.

"And of course, many of us have these stories when parents are faced with such decisions. So I had to insist. And at the same time I was the first person to go to university in my family. And so it was a hard decision that I go to university and study this thing that is called art that nobody knew."

Sowohl in den beruflichen als auch in den persönlichen Erfahrungen können sich die Teilnehmenden der Summerschool zum Teil wiederfinden. Nine Yamamoto-Masson: "Also bei mir ist es auch so, dass ich in meiner Familie überhaupt Null Unterstützung bekommen habe und es wirklich verpönt wurde, Kunst zu machen, und auch sich politisch zu betätigen."

Mentoring ist für viele Künstler*innen of Color und Schwarze Künstler*innen wichtig, um sich auszutauschen über die eigene Arbeit und um sich Unterstützung zu holen.

Nine Yamamoto-Masson hätte auch gerne einen Mentor oder eine Mentorin gehabt. "Ja, ich glaube, das hätte von Anfang an sehr, sehr viel verändert. Mentoring oder Ratschlag oder auch wenn jemand keinen Ratschlag hat, das zusammen durchdenken zu können, das ist glaube ich, eine der grundlegendsten Notwendigkeiten überhaupt."