Das Gespräch im Wortlaut

[Gitarrenintro]

 

Hallo und herzlich willkommen zur Podcastserie "Rampenlicht", ein Podcast zu Behinderung und Kultur. Mein Name ist Rebecca Maskos und ich unterhalte mich mit behinderten Künstlerinnen und Künstlern über Inklusion und Vielfalt in Musik, Theater, im Tanz und in der Bildenden Kunst und über den Zugang zum Kulturbetrieb.

 

Mein erster Gast ist Graf Fidi, Fidi heißt eigentlich mit bürgerlichem Namen Hans Friedrich Baum und ist Rapper. Fidi, schön, dass du da bist, herzlich willkommen.

 

Graf Fidi: Hallo Rebecca, freut mich hier zu sein.

 

Rebecca Maskos: Fidi, du bist 37, du bist gelernter Kaufmann, richtig? Und studierter Sozialarbeiter und du wohnst im Szenebezirk Wilmersdorf in Berlin – da, wo man Schach spielt und früh ins Bett geht. Das erfährt man alles auf deiner neuen Platte, die du gerade herausgebracht hast "Schlimmer Finger". Da rappst du über deine Gegend Wilmersdorf und so. Was kriegt man denn zu hören auf deinem neuen Album? Was für eine Art Hip-Hop machst du da?

 

Graf Fidi: Man kriegt einen Querschnitt aus meinem Leben mit und da darf man nicht immer alles auf die Goldwaage legen, weil – zumindest aus meinen Verständnis heraus – Rapmusik auch immer ein bisschen was mit Schauspielerei zu tun hat. Das sieht man vielleicht auch in meinen Videos dann. Was nicht heißt, dass ich mich die ganze Zeit immer nur auf die Schippe nehme und durch den Kakao ziehe. Ich möchte auch gerne ernste Themen ansprechen oder versuche auch einen Teil meiner Persönlichkeit zu transportieren, aber genauso wie ich versuche ernste Themen dem Zuhörer zu vermitteln, so gehört es für mich auch zum Musikmachen dazu, Quatsch zu machen, Dinge zu überzeichnen, oder ein bisschen mit einem Augenzwinkern Dinge zu transportieren.

 

Rebecca Maskos: Ja, das habe ich auch schon gesehen und mitbekommen. Ich fand deine Videos großartig. Da kommen wir gleich nochmal drauf. Warum eigentlich Hip-Hop? Gibt‘s Leute, die Sagen "Ach, mensch, Hip-Hop, das ist doch so ein böses Genre, da dissen sich doch immer alle, das ist doch auch nichts für Behinderte". Gibt‘s Leute, die sowas sagen?

 

Graf Fidi: Keine Ahnung. Ich bin noch nie jemandem begegnet, der das sagt. Vielleicht gibt es die. Für mich war das relativ früh klar, weil ich da eben am besten anderen verbal auf die Schnauze geben kann. Und Rap, also die Rapmusik in der Hip-Hop Kultur, eben schon immer geprägt war von sagen wir mal "Guck mal, ich bin der Geilste und ich hab den Längsten" und das war etwas, dass immer auch in mir drin war, weil ich mich immer als ganz normalen Jungen gesehen habe und mit den anderen mitkonkurrieren wollte. Und da im Rappen das beste Medium für mich gefunden habe.

 

Rebecca Maskos: Deine Behinderung ist viel Thema in den Texten. Wenn du jetzt deine Behinderung so beschreibst, was erzählst du? Was macht deine Behinderung aus?

 

Graf Fidi: Na, meine Behinderung macht erst mal einen Teil meiner Persönlichkeit aus. Ohne meine Behinderung wäre ich nicht der, der ich jetzt wäre. Und ohne meine Behinderung wäre ich vielleicht gar kein Rapmusiker geworden, sondern ich wäre vielleicht, weiß nicht, Sportler geworden. Mir wurde mal gesagt oder der Arzt hat mal gesagt bei meiner Geburt "Hier, ihr Sohn wird mal Basketballer, weil er so schön groß ist". Da ich nun verkürzte Sehnen habe durch meine Gehbehinderung und nur eine Hand habe, wäre das nicht möglich gewesen. So wäre ich dann vielleicht Basketballer oder Fußballer geworden oder Hockeyspieler oder was auch immer, guter Schwimmer – weil schwimmen tue ich auch sehr gerne. Um zu deiner Frage zurückzukommen: Meine Behinderung macht mich eben aus, aber eben nicht nur meine Behinderung, sondern ich definiere mich eben auch über ganz viele andere Bereiche und ich bin neben [dem], dass ich behindert bin oder Rapmusiker bin, bin ich eben auch Freund oder bin zum Beispiel auch Vater und das sind ganz viele verschiedene Dinge, die ich in mir vereine und die dann auch meine Musik prägen und meinen Alltag.

 

Rebecca Maskos: Ja. Und du bist größtenteils im Rollstuhl unterwegs und hast sechs Finger. Und einer davon ist der schlimme Finger, oder?

 

Grafi Fidi: Also ich bin nicht größtenteils mit dem Rollstuhl unterwegs. Ich sage immer gerne, ich bin so Teilzeitrollstuhlfahrer, das heißt, größtenteils bin ich eigentlich nicht mit dem Rollstuhl unterwegs, sondern größtenteils bin ich im Fahrdienst unterwegs. Die meiste Zeit verbringe ich im Fahrdienst, der mich zu meiner Arbeit fährt und wieder von der Arbeit nach Hause. Auf Arbeit bin ich nicht im Rollstuhl und zu Hause auch nicht. Ich habe am rechten Arm nur einen Finger und das ist natürlich der schlimme Finger.

 

Rebecca Maskos: Das ist der schlimme Finger. Du bist auch der schlimme Finger. Das ist ja der Titel deines aktuellen Albums. Ich bin totaler Fan davon, wie du über deine Behinderung schreibst. Ich find‘s unglaublich komisch teilweise, wie du so die absurden Momente, die man unweigerlich im Rollstuhl erlebt oder auch ohne Rollstuhl, einfach mit einer Behinderung, mit den Reaktionen der Leute, dass du die auf deine Weise verarbeitest und einbaust in deine Texte. Also ich musste zum Beispiel total lachen bei dem Song "Von hinten", weil das kenne ich auch, also der Refrain geht irgendwie "Kannst mich von hinten nehmen" und du beschreibst einfach nur, was die Leute machen sollen, wenn sie dich rückwärts eine Stufe hochziehen sollen. Und ganz besonders feierst du das ja auch in deinem Stück "Ich mach das mit links". Da geht es ja um diese tausend Fragen, die man irgendwie ganz oft gestellt bekommt, wenn man eine offensichtliche Behinderung hat. Da hören wir mal kurz gemeinsam rein.

[Ausschnitt aus Song von Graf Fidi „Ich mach das mit links“: „Wie machst du das mit dem Kneten beim Plätzchenbacken? Wie machst du das auf den Feten mit Mätzchen machen? Wie verpackst du deine Geschenke zu Weihnachten? Was machst du, wenn eine kommt und sagt, sie will dich heiraten? Und hast du mal ein Haus, wer pflegt den Kleingarten? Und wie machst du das mit den Stellungen beim Beischlaf und was machst du, wenn keiner den Weg zu der Toilette kennt und dir 10 Kilo TNT in der Rosette brennt? Was machst du dann auf Klo, wenn du merkst, kein Klopapier ist da, ja wie lautet der Plan, für diesen Notfall hier? Ob Rätselraten, Brezeln backen, Segel raffen, Kegel werfen oder Späße machen wie die Teletubbies. Ob Nase putzen, Nagel schrubben, in die Karten gucken oder Muttis Rasen stutzen. Ich mach das mit Links. Doch für euch wirkt es angestrengt. Ich mach das mit Links." Musik wird leiser und hört dann auf.]

 

Rebecca Maskos: Ja, wie machst du das? Also diese Fragen kenne ich auch ziemlich gut. Ich sitze selber auch im Rolli, was man jetzt gerade nicht sieht und nicht hört.

 

Grafi Fidi: Ich sehe es.

 

Rebecca Maskos: Fidi sieht‘s, ja. Cooles Teil, ne. Du hast ja auch einen Track für deinen Rollstuhl geschrieben. Fand ich auch großartig.

 

Graf Fidi: Stuhllove.

 

Rebecca Maskos: Ja, Stuhllove. Fantastisch. Wie ist das mit den Fragen. Nerven die dich manchmal?

 

Graf Fidi: Ja, das kommt immer auf die Tagesverfassung an. Fragen kennen wir ja alle. "Wer nicht fragt, bleibt dumm." Kennen wir aus der Sesamstraße. Es ist gut, wenn Menschen fragen, weil nur dadurch kann man ja diese Fragen beantwortet bekommen und [es] kann dem vorbeugen, dass Menschen versuchen, sich Fragen selber zu beantworten und dann eventuell ein falsches Bild bekommen. Ich sehe das als meine Aufgabe an und auch als meine Aufgabe als jemand, der sich mit dem Thema Inklusion und anderen Themen beschäftigt. Ich sehe das als meine Aufgabe, es ist meine Funktion als Mensch mit Behinderung Menschen – die Fragen kommen meistens von nicht-behinderten Menschen, Menschen, die keine Behinderung haben – die Fragen zu erklären. Oder ihnen zu erklären, warum ich so bin, wie ich bin. Weil dadurch dann natürlich auch Berührungsängste abgebaut werden. Und deswegen finde ich das auch überhaupt nicht schlimm, wenn gefragt wird. Ganz im Gegenteil. Ich finde es eher schlimm, wenn nicht Fragen gestellt werden oder wenn ich mitbekomme, dass irgendwo im Hintergrund Leute tuscheln und ich weiß eigentlich ganz genau, dass es um mich geht. Dann stell ich mir wiederum schon die Frage, was sie sich gerade für Fragen stellen und werde dann schon richtig unruhig, weil ich mir denke, komm doch einfach her, frag mich einfach.

 

Rebecca Maskos: Hm. Naja, es klingt ein bisschen, wie ein Job, den du da hast. Den du dir ja aber irgendwie nicht ausgedacht hast. Gibt‘s auch mal Momente, wo du sagst, jetzt reicht es aber, ich hab echt keinen Bock, hier den Leuten immer alles beizubringen?

 

Graf Fidi: Nein, so wird es wahrscheinlich fast allen Menschen gehen. [...] Was sucht man sich denn schon aktiv raus? Welcher Junge will denn wirklich am Anfang Feuerwehrmann werden und wird dann Feuerwehrmann? Oder das Mädchen will KFZ-Mechanikerin werden und wird‘s dann? Worauf ich hinauswill ist, ich hab mir das nicht ausgesucht, sondern die Sachen finden einen und man findet sich dann in der Rolle zurecht. Oder ich finde mich dann in der Rolle zurecht. Das finde ich auch ganz toll am Leben. Dass man sich ständig in einem Wandel befindet und sich Situationen auch verändern und ich das auch als ein großes Geschenk ansehe. Meine Behinderung, die mir unschöne Situationen bereitet hat, dass sie jetzt etwas ist, womit ich in die Öffentlichkeit gehe und womit ich das Gefühl habe, ich kann etwas Gutes tun. Ich hab wirklich manchmal das Gefühl, dass meine Behinderung wie eine Superkraft ist. Weil sie mir jetzt zum Beispiel ermöglicht, hier bei dir zu sitzen in diesem Podcast und darüber zu sprechen. Das ist doch voll cool.

 

Rebecca Maskos: Absolut, ja. Das heißt, hast du so ein bisschen das Gefühl, du bist so auf einer Mission?

 

Graf Fidi: (lacht) Ja. Auf jeden Fall. Aber das bin ich eher, weil ich Rapmusiker bin. Und nebenbei auch Angestellter in einem Pflegedienst für Menschen mit Behinderung. Und in diesen beiden Bereichen einfach versuche, so gut wie möglich meine Arbeit zu machen und das könnte man so als Mission ansehen.

 

Rebecca Maskos: Hip-Hop. Wie kamst du zum Hip-Hop oder wie kam der Hip-Hop zu dir?

 

Graf Fidi: Also der Hip-Hop, um das nochmal kurz klarzustellen, für die, die nicht so eine Ahnung haben, Hip-Hop ist ja die Kultur und es gab mal so fünf Säulen, die klassischen fünf Säulen des Hip-Hop sind die Rapmusik, Breakdance ist das Tanzen, das Dj-ing, das Sprühen und das Beatboxing, das heißt Geräusche machen mit dem Mund. Das ist alles Hip-Hop gewesen. Da kommt jetzt mittlerweile auch noch Kleidung dazu und vielleicht ins Fitness-Studio gehen et cetera pp. Aber das waren so die fünf Säulen. Und die Rapmusik kam zu mir mit 15. Da kam mein längster Freund zu mir, der Jakob. Und der hatte eine Rap-CD von einer amerikanischen Rapgruppe dabei und ab da war es dann hauptsächlich Rap. Ich werde dann auch immer gleich gefragt, ob ich denn nur Rap höre: Nein. Nur weil ich Rapper bin, heißt das nicht, dass ich 24/7 Rapmusik höre. Ich höre fast jedes Musikgenre bis vielleicht auf Country und Schlager und selbst das höre ich, wenn der Pegel stimmt.

 

Rebecca Maskos: Und in Wilmersdorf hört man ja auch Bach, hauptsächlich.

 

Graf Fidi: Beatles und Bach, ja.

 

Rebecca Maskos: Du sagtest vorhin auch schon, dass das Aufwachsen mit deiner Behinderung nicht immer so einfach war. Hat dir der Hip-Hop auch irgendwie geholfen da ein bisschen rauszukommen aus blöden Situationen? War das ein bisschen empowernd für dich?

 

Graf Fidi: Ja, auf jeden Fall […] Also Ende der Grundschule ging es mit Mobbing los, das heißt, das war nicht von Anfang an, ich war auf einer ganz normalen – in Anführungsstrichen – Grundschule. Ich war dort der einzige oder auch erste Junge mit Behinderung und in der fünften, sechsten Klasse, als dann die Pubertät losging, ging‘s dann los mit Hänseleien. Ich kam dann in der siebten Klasse auf die Sophie-Scholl-Schule, wo ich dann mit anderen Kindern, unter anderem auch mit Raul in einer Klasse war, und dann eben andere Behinderungen, wie Glasknochen, Trisomie 21, Menschen mit Hörbeeinträchtigung gesehen habe. Das war sehr wichtig für meine Entwicklung und auch Emanzipation. Als dann der Rap zu mir kam, da war das nicht so "Ich fang jetzt an zu schreiben", weil ich den Drang hatte auf die Bühne zu gehen, auch wenn ich aus einem Musikerhaushalt komme – meine Mutter hat klassisch Geige gespielt und im Orchester und ich hatte auch Gesangsunterricht und deswegen war mir das alles nicht so fremd – aber es war nicht so, dass ich dann dachte "So ich nehme jetzt das Mikrofon und möchte hier jetzt verbal auf die Kacke hauen, sondern das Texteschreiben war damals – also wir reden da von Mitte Ende der 90er – eher sowas wie Tagebuchschreiben. Ich hatte schon damals in der Grundschule im Deutschunterricht […] am meisten Spaß gehabt, wenn es darum ging, frei Texte zu verfassen, sich Geschichten auszudenken. Ich glaube, das kam der Rapmusik sehr nahe. Und ich hatte dann eine Situation, wo ich bei einem Geburtstag war oder einer Party und da hab ich dann einfach mal eine Sache, die ich zu Hause für mich im Kämmerlein geschrieben habe, vorgerappt und da standen dann da alle nur so mit offenem Mund und machen so "Öh, krass!" und das war dann erst der Punkt, wo ich so gemerkt habe, vielleicht macht das Sinn, das was ich da zu Hause geschrieben habe, einem breiteren Publikum zu präsentieren und so ging das ganze los.

 

Rebecca Maskos: Hattest du eigentlich Vorbilder? Also irgendwelche anderen Musiker mit Behinderung, Musikerinnen, die dich da irgendwie beeinflusst haben?

 

Graf Fidi: Ich kenne nur einen behinderten Musiker, das ist Thomas Quasthoff, der aber auch gar nicht mehr aktiv in der Klassik singt. Ich glaube, der unterrichtet noch. Ähm und – siehst du, jetzt muss ich schon mit einem Ähm starten.

 

Rebecca Maskos: Ja. Stevie Wonder und Ray Charles fallen mir immer so ein.

 

Graf Fidi: Also erst mal habe ich, als ich angefangen habe mit Rappen […] nicht explizit nach Identifikationsfiguren gesucht, die behindert sind, weil ich mich ja selber auch nicht als behindert empfunden habe. Und tue es auch heute den größten Teil meiner Zeit nicht.

 

Rebecca Maskos: Wie war das denn so mit der Hip-Hop Szene? Als du dann sozusagen rausgegangen bist? Der erste Moment auf der Party und dann bist du ja aber wahrscheinlich auch mal irgendwie in Kontakt gekommen mit anderen Hip-Hoppern. Wie kamst du da so an? Hast du das Gefühl, dass die dich ernst genommen haben? Ich kann mir schon vorstellen, so Rapper, das ist zumindest mein Blick von außen, die geben sich ja immer total cool und unverwundbar und so. Wie reagieren denn so Rapper, Hip-Hopperinnen auf jemanden mit Behinderung, der das macht?

 

Graf Fidi: Zu 99% positiv. Es gibt wirklich eigentlich nur ein Erlebnis, ein einziges Erlebnis, das war auch in Berlin, wo ich mal gerappt habe, wo einer zu mir kam und meinte, ich bin jetzt nur auf der Bühne und sitz hier im Rollstuhl und versuch, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Daraus hab ich auch einen sehr guten Song gemacht, der genau das thematisiert, nämlich dass ich nur so tue, als wäre ich behindert. Und […] das nur [mache], um Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Hab sogar einen Teil zwei daraus gemacht.

 

Rebecca Maskos: Ist das "Verarscht“ I und II, die beiden Songs?

 

Graf Fidi: Genau.

 

Rebecca Maskos: Fand ich auch sehr, sehr lustig.

 

Graf Fidi: Um nochmal auf die Hip-Hop-Szene zurückzukommen, wo wir auch wieder bei der Frage sind, bei diesem Fragestellen, die meisten im Club – Rapper Rapperinnen –, die kommen dann einfach zu mir und sagen "Hä? Wer bist du denn?" Und dann erzähl ich denen das ganz kurz und dann werden zwei drei Sätze ausgetauscht und dann ist man meistens schon in der Bar und nimmt einen Drink und dann ist die Sache damit auch erledigt. Also, um die Frage kurz zu beantworten, eigentlich durchweg positiv. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mich so wohl fühle in der Rapmusik und da so mein zu Hause gefunden habe.

 

Rebecca Maskos: Also du findest die einigermaßen inklusiv und da kommen nicht so viele komische Fragen und so?

 

Graf Fidi: Nein. Wir könnten jetzt natürlich nochmal – müssen wir aber auch nicht machen – das Thema aufmachen mit Rapmusik und Sprachgebrauch und Schimpfwörtern und sowas. Das ist nochmal ein ganz anderes Thema. Und das ist auch etwas, wo ich natürlich, als der, der ich jetzt bin, ne Haltung zu vertreten muss. Wenn wir sagen, "behindert" und "Spast" und "Krüppel" als Schimpfwort, dann versuche ich natürlich oder habe es komplett, glaube ich, aus meinem Rap-Sprachgebrauch verbannt. Rap besteht ja aber auch aus Battle, das heißt, den anderen möglichst gut diskreditieren und dessen Mutter irgendwie verunglimpfen und wenn da dann jemand "Spast", "Krüppel" oder "behindert" sagt, dann ist das für mich legitim, weil das ist dann wie so ein Gladiatorenkampf. Da bekämpft man sich halt bis aufs Blut. Trotzdem, wenn es jemand schafft, mich zu beleidigen, ohne dass er das Offensichtliche gegen mich wendet, dann finde ich das fast noch interessanter und witziger.

 

Rebecca Maskos: Aber passiert dir das?

 

Graf Fidi: Ich hab ja auch eine längere Battle-Vergangenheit, die ich aber auch so gut wie hinter mir gelassen habe, weil ich jetzt andere Dinge mache. Aber beim Rappen gibt es ja auch das sogenannte Freestylen, das heißt du sitzt dann irgendwo und aus dem Stehgreif fängst du an über irgendwas zu rappen. Kannst du auch machen, ohne andere zu beleidigen. In gewissen Situationen macht man das aber immer noch. Und das mach ich auch gerne mit Freunden. Und da ist dann auch alles ... also da hole ich jetzt nicht die rote Inklusionskarte raus und sage "Ey, du hast gerade Spast gesagt, entschuldige dich mal bitte". Das wäre auch völlig fehl am Platz. Da kann mir auch jeder alles an den Kopf hauen, was er möchte.

 

Rebecca Maskos: Das gehört dazu, ne?

 

Graf Fidi: Das gehört dazu.

 

Rebecca Maskos: Du trittst auch in Bereichen auf, die man eher als separiert bezeichnen könnte. Du machst viel im Rahmen der Behindertenhilfe, bei der Lebenshilfe zum Beispiel oder generell bei Wohlfahrtsverbänden. Das heißt auch in Bereichen, wo Leute sitzen, die auch separierende Einrichtungen betreiben. Hast du bei solchen Auftritten – also im Rahmen der Behindertenhilfe, auf Konferenzen oder Veranstaltungen oder so – hast du Angst, dass du irgendwann so ein bisschen in der Nische hängen bleibst? Du kriegst ja auch medial oft diesen Beinamen "Der Rollstuhlrapper" und so. Wie findest du das? Hast du irgendwie Sorge, dass dich das ein bisschen reduziert auf deine Behinderung?

 

Graf Fidi: Ja, das mit dem Rollstuhlrapper ist wirklich was, was vor 10 Jahren in einem Fernsehbeitrag gesagt wurde. Das ist natürlich doof. Deswegen versuche ich zu sagen, das ist der Rapper, der macht das mit Links, oder hier, jetzt kommt der schlimme Finger. Weil, dass ich im Rollstuhl teilweise sitze, das sieht man ja auch beziehungsweise jetzt, in diesem Format, ist das total irrelevant, ob ich im Rollstuhl sitze oder nicht. Trotzdem muss ich auf der anderen Seite sagen, ist das natürlich etwas, was mir auch eine gewisse mediale Aufmerksamkeit verschafft und was Teil meines Berufs geworden ist. Also nochmal: Würde ich nicht im Rollstuhl sitzen und ich hätte nur die sechs Finger, dann – keine Ahnung – hätte ich vielleicht nicht so viele Hits bei Youtube oder Google. Ich frag dann auch immer die Leute: Wie bist du auf mich gekommen? [Mit verstellter Stimme] "Ja, ich hab behindert und Musik eingegeben und dann kam halt Graf Fidi" Das ist natürlich auch etwas, womit ich arbeite. Und mein Logo, viele sehen darin einen Rollstuhl, es ist natürlich ein G mit einem I für Graf Fidi oder ein Mikrofon, wie man auch will. Natürlich spielt das auch damit. Und deswegen finde ich das auch nicht schlimm. Ich hab ja immer noch die Möglichkeit, mich dann in einem Gespräch noch einmal zu erklären. Oder [ich] kann sagen, wie ich zu meinem Rollstuhl stehe. Der Rollstuhl ist ja auch nichts Schlimmes. Der Rollstuhl ist ja auch ein Teil meiner Identität.

 

Rebecca Maskos: Du gehst ja viel auch in Förderschulen und machst da Hip-Hop Workshops mit den Kids. Was treibt dich da an?

 

Graf Fidi: Also am Anfang war es: Einfach alles machen, was irgendwie geht. Und wo ich sage, das ist prinzipiell etwas Gutes, das ist etwas Soziales, damit tust du niemandem weh und im besten Fall können die Kinder noch etwas lernen. Also am Anfang war es für mich so: Sprache vermitteln oder dass Rapmusik eben nicht nur homophob ist oder mit Kraftausdrücken um sich wirft, das war so am Anfang mein Ziel.

Es gab ein sehr einschneidendes Erlebnis: Vor drei Jahren war ich mit einer Freundin in Ostfriesland in einer inklusiven Schule in Leer und dort gab es ein Mädchen, das nicht richtig sprechen konnte, sondern sich nur mit Lauten verständigt hat. Und das besagte einschneidende Erlebnis habe ich erst im Nachhinein erzählt bekommen. Nämlich, dass dieses Mädchen, während ich dort mit den Kindern gerappt habe, und wir an der Tafel zusammen den Refrain geübt haben, dass sie mehr aus sich heraus gekommen ist, als in den gesamten drei Jahren vorher. Was ihre Mimik, Gestik anbelangt. Sie hat verstärkt Laute von sich gegeben, sie hat versucht, im Takt mitzuwippen. Das waren alles Dinge, die vorher – das hat mir die Lehrerin gesagt – die überhaupt nicht von ihr mitbekommen haben. Und das war eigentlich das Tollste, was ich bis dato durch meine Workshoptätigkeit erlebt habe.

 

Rebecca Maskos: Ja, ich war ja auch mal auf einem Konzert von dir, wo unglaublich viele Leute mit Behinderung da waren, die total abgegangen sind. Ich hatte den Eindruck, du hast da eine riesen Fangemeinde unter Leuten mit Behinderung.

 

Graf Fidi: Ja tatsächlich. Das ist genau der Punkt. Und das, was du mich vorhin gefragt hast, ob das in irgendeiner Form hinderlich ist, oder ich in irgendeine Schublade geschoben werde, das macht mich ja zu dem unverwechselbaren Künstler, der ich bin. Weil ich teilweise im Rollstuhl sitze und weil ich sechs Finger habe und darüber rappe, wissen die Leute, dass ich weiß, wovon ich spreche. Das ist glaube ich sehr viel wert. Die Authentizität eines Künstlers. Auf der anderen Seite dann aber wiederum das Ganze auch nicht so lehrerhaft mit erhobenem Zeigefinger oder so [verstellt die Stimme] "Die Gesellschaft muss sich verändern", sondern es immer wieder auch witzig verpacke. Und mir auch nicht zu schade bin, mich auch mal selber durch den Kakao zu ziehen.

 

Rebecca Maskos: Also wenn dann mit erhobenem schlimmen Finger.

 

Graf Fidi: Mit erhobenem, wedelnden schlimmen Finger.

 

Rebecca Maskos: Du hast ja eine ambivalente Rolle, weil gleichzeitig machst du ja Hip-Hop und das kommt ja auch aus einer bestimmten Ecke von Musik, die nicht immer harmonisch ist, sondern eben auch nach vorne geht und so weiter. Und ich finde, diese Zwiespältigkeit hast du sehr schön verpackt in dem Titelstück deines neuen Albums "Schlimmer Finger". Da hören wir jetzt auch nochmal kurz rein.

 

[Ausschnitt aus Song von Graf Fidi „Schlimmer Finger“: Wer ich bin? Ich bin der freundliche Nachbar mit Boygroup-Charakter, der sich's häuslich gemacht hat. Ich rauch wie ein Schlot, meine Augen sind rot, ich verkaufe auch noch Dope, ey brauchst du noch Koks. Ich ess nur Veganes, ich sprech sieben Sprachen, helfe den Armen und spende der Tafel. Was gehn mir die Penner auf den Sack, man, die ham kein Problem. Die sollen arbeiten gehn. Ich bin Mitglied bei Greenpeace…" Musik wird leiser und hört dann auf]

Rebecca Maskos: Ja, man hat so den Eindruck, weil schlimmer Finger, eigentlich bist du viel zu nett und viel zu lustig für den bösen Gangster-Rapper. Eigentlich willst du den Gangster-Rapper auch nicht machen. Das ist eigentlich nicht deins, oder?

 

Graf Fidi: Hmja, doch, eigentlich schon.

 

Rebecca Maskos: Aber du nimmst es so ein bisschen auf die Schippe, oder? Also die böse Seite, die nimmt man dir in dem Moment eigentlich nicht so ab.

 

Graf Fidi: Das bleibt ja jedem selber überlassen, das da rein zu interpretieren. Menschen, die mir näher sind, kennen natürlich auch noch andere Seiten von mir. Ich bin nicht nur lieb und nett. Ich habe auch andere Seiten an mir. Ich kann auch ein ganz schönes Rindvieh werden. Sagen wir mal so: Da wo Licht ist, ist auch Schatten. [lacht] Mehr sage ich dazu jetzt nicht.

 

Rebecca Maskos: Alles klar. Was würdest du denn sagen, was wünschst du dir von der Musikszene in Deutschland, damit mehr behinderte Musikerinnen, Musiker eine Chance haben irgendwie ihre Musik bekannt zu machen? Überhaupt Musik zu machen auch.

 

Graf Fidi: Ja, ich glaube, von der Musikszene muss ich mir da gar nichts wünschen, weil es wird nicht passieren, weil die Menschen, die in den jeweiligen Positionen sitzen, da wird kein Umdenken stattfinden.

 

Rebecca Maskos: Warum nicht?

 

Graf Fidi: Weil – das ist meine Meinung – weil ich glaube, dass diese Personen, die alle erstmal durchgehend nicht behindert sind, und die meisten sind Männer und denen ist das Thema Behinderung nicht sexy genug. Und deswegen bedarf es mehr behinderter Künstler und Künstlerinnen, die einfach ihr Ding machen und so wie ich das dann in Eigenregie machen. Ich war mal bei einem Label und ich habe dieses Label auch wieder verlassen und habe mir dann Labelstruktur eingekauft – das kann man auch machen, man ist dann nicht gesignt als Künstler, aber man gibt sehr viel Geld aus für alles, was ein Label macht – und hab da die Erfahrung gemacht, dass das eben nur so lange gemacht wird, wie man eben auch Geld gezahlt hat, das heißt da steckte kein Herzblut dahinter. Und dann hab ich irgendwann gemerkt, dann mach ich‘s lieber selber in einem kleineren Rahmen. Da hab ich mehr davon. Ich kann alles besser steuern und kontrollieren und es kostet weniger Geld. Und ich merke ja, dass das, was ich jetzt tue, dass das weiter nach vorne geht. Es ist ja kein Stillstand und es geht auch nicht zurück. Es geht eher weiter nach vorne. Wenn ich das kann, dann können das auch andere Menschen mit Behinderung und so wird es immer weiter nach vorne gehen und irgendwann wird es dann mal den Tag X geben, wo sich dann jemand, ein heterosexueller Mann, in einem Label traut, der nicht behindert ist, einen behinderten Künstler oder Künstlerin unter Vertrag zu nehmen. Aber jetzt gerade sehe ich das nicht.

 

Rebecca Maskos: Ja. Also du meinst, das dauert noch eine Weile?

 

Graf Fidi: Also wie gesagt, ich hab ja den Traum auch nicht aufgegeben, dass ich gesignter Künstler werde. Nur ich hab irgendwann für mich erkannt, okay, ich werde mich darauf nicht verlassen. Oder ich werde weiter selber machen. Und bin mittlerweile so gut vernetzt und mach so gut meine Arbeit und weiß ganz genau, was ich tue und wie ich es mache, dass es ohne Label geht. Ich weiß aber auch, dass es mit Label Unterstützung noch besser gehen würde. Und dass ich einen ganz anderen Radius hätte. Und dass dann dieses Label das auch als Vorreiterrolle nehmen könnte und das dann auch als USP – Unique Selling Point – nutzen könnte. Mal gucken...

 

Rebecca Maskos: Das war doch jetzt eigentlich ein ganz konkreter Tipp an die Label-Betreiber. USP und Leute mit Behinderung machen coole Musik.

 

Graf Fidi: Und können sexy sein.

 

Rebecca Maskos: Und können sexy sein. Aber sowas von! Du bist ja hauptsächlich auf Plattformen zu finden. Ist das auch so ein Bereich, wo du sagen würdest, hey da können Leute mit Behinderung ran? Internet ist für alle zugänglich. Man kann auf Plattformen veröffentlichen. Würdest du das so als Empfehlung geben?

 

Graf Fidi: Ja, weil wir mittlerweile in einem Abschnitt Musikkonsum angekommen sind, wo eigentlich alles oder die meisten Menschen nur noch über das Internet konsumieren. Also du, ich, wir sind noch in Zeiten aufgewachsen mit CD, Vinyl, Kassette. Das tun viele nicht mehr. Gerade die jüngeren Generationen konsumieren nur noch über Spotify, Youtube, ihr Smartphone. Und dem muss man sich dann auch anpassen. Was auch der Grund ist, warum mein aktuelles Album gar nicht mehr auf einem physischen Träger produziert wurde.

 

Rebecca Maskos: Auf welchen Plattformen findet man dich da? Spotify hast du eben schon gesagt.

 

Graf Fidi: Unter anderem auf Spotify, auf Applemusic, Itunes, Deezer.

 

Rebecca Maskos: Okay. Alles klar. Ja, ich glaube, da sollte man mal reinhören. Mir hat‘s auf jeden Fall großen Spaß gemacht, den schlimmen Finger zu hören. Und auch deine anderen Platten mal anzuhören. Fidi, vielen, vielen Dank, dass du da warst. Ich drück dir die Daumen für die steile Hip-Hop-Karriere, die noch auf dich wartet, also die eigentlich schon angefangen hat. Alles Gute dir.

 

Graf Fidi: Dankeschön. Ich danke dir für das Gespräch.

 

[Gitarrenmusik]

Disclaimer: Die erste Folge von "Rampenlicht" wirft Fragen auf, die in vielen Communities kontrovers diskutiert werden. Nicht alle behinderten Menschen sehen es als ihre Pflicht an, auf Fragen nach ihrer Behinderung grundsätzlich zu antworten. Auch gibt es unterschiedliche Haltungen dazu, wie mit potenziell diskriminierenden Begriffen im Hip-Hop umgegangen werden soll. Wir (d.h. Rebecca Maskos und das Team von Diversity Arts Culture) sehen das Gespräch mit Graf Fidi als spannenden Beitrag zu diesen Debatten und nicht als generelle Handlungsempfehlung im Umgang mit behinderten Menschen.